Wenn wir am Passionssonntag die Kirchen betreten, herrscht eine seltsame Leere. Das Gold der Kreuze, der leidende Korpus Jesu – alles ist unter violetten Tüchern verschwunden. Theologisch nennen wir das das ‚Sehfasten‘.

Doch warum dieser Rückzug? Die biblische Wurzel liegt im Johannesevangelium (Joh 8,59): Jesus verbarg sich vor denen, die ihn steinigen wollten, und verliess den Tempel. Es ist der Moment, in dem die Gottheit sich vollkommen hinter der Menschheit versteckt. In der Passionszeit blicken wir nicht mehr auf den triumphierenden Christus, sondern auf den ‚Gottesknecht‘, der seine Herrlichkeit ablegt.

Dogmatisch erinnert uns die Verhüllung an das Geheimnis der Inkarnation. Gott wird so sehr Mensch, dass er fast unkenntlich wird. Das Tuch symbolisiert die Trennung, die durch die Sünde entstanden ist – wie der Vorhang im Tempel, der das Allerheiligste verbarg. Wir spüren schmerzlich: Er ist noch nicht da. Die Erlösung ist noch nicht vollbracht.

Dieses ‚Fasten der Augen‘ schärft unsere innere Wahrnehmung. Wir gewöhnen uns oft so sehr an das Kreuz an der Wand, dass wir es gar nicht mehr wahrnehmen. Das Tuch bricht diese Routine. Es erzeugt eine heilige Neugier und eine Sehnsucht. Erst wenn das Kreuz am Karfreitag unter dem Ruf ‚Seht das Holz des Kreuzes‘ enthüllt wird, begreifen wir neu, was dort eigentlich geschah. Die Verhüllung ist also kein Zeichen der Trauer, sondern eine dramaturgische Vorbereitung auf den Sieg des Lebens.

Die Kreuzverhüllung zu Hause

Du kannst diese Tradition ganz einfach in deinen Alltag integrieren. Es hilft, den Fokus der Wohnung von „Deko“ auf „Andacht“ umzustellen.

1. Die praktische Umsetzung

  • Das Material: Verwende ein schlichtes, violettes Tuch (Leinen oder ein einfacher Baumwollstoff). Violett ist die Farbe der Busse und der Erwartung.
  • Der Vorgang: Das Kreuz wird am Vorabend des 5. Fastensonntags verhüllt. Das Tuch sollte so befestigt werden, dass die Form des Kreuzes noch grob erkennbar bleibt, aber keine Details (wie der Korpus oder Verzierungen) sichtbar sind.
  • Dauer: Es bleibt verhüllt bis zur Enthüllung in der Karfreitagsliturgie (ca. 15:00 Uhr) oder bis zur Osternacht.

2. Ein Gebet zur Verhüllung (Vorschlag)

Bevor du das Tuch über das Kreuz legst, kannst du kurz innehalten und folgendes Gebet sprechen:

„Herr Jesus Christus, du hast dich verborgen, um uns nahe zu sein. Wir verhüllen heute dieses Zeichen deiner Liebe, damit unser inneres Auge hell wird für dein Leiden.

Nimm weg, was uns ablenkt. Lass uns in der Stille dieses Tuchs erkennen, dass du auch in der Dunkelheit und im Schweigen bei uns bist.

Wir warten auf den Tag, an dem du uns dein Angesicht neu zeigst und den Tod für immer besiegst. Amen.“

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Von admin