Seit mehr als zwei Jahren tobt im Sudan ein grausamer Bürgerkrieg, der das Land an den Rand des völligen Zusammenbruchs gebracht hat. Was im April 2023 mit Machtkämpfen zwischen der regulären Armee (SAF) und den paramilitärischen Rapid Support Forces (RSF) begann, hat sich längst zu einem Krieg gegen die Zivilbevölkerung ausgeweitet. Millionen Menschen sind auf der Flucht, ganze Städte liegen in Trümmern – und inmitten dieses Infernos steht eine kleine, oft vergessene Minderheit: die Christen des Sudan.

Ein Krieg gegen das Volk – und gegen den Glauben

Die Kämpfe zwischen den rivalisierenden Generälen Abdel Fattah al-Burhan (SAF) und Mohamed Hamdan Dagalo, genannt „Hemeti“ (RSF), haben das Land in ein Chaos gestürzt. Nach dem Sturz von Diktator Omar al-Bashir im Jahr 2019 keimte kurz Hoffnung auf Demokratisierung und Religionsfreiheit auf. Doch diese Hoffnung ist erloschen. Mit der Eskalation des Krieges kehren islamistische Strukturen zurück, und in vielen Gebieten gilt wieder das alte Muster: Christen sind Fremde im eigenen Land.

Soldaten der Rapid Support Forces in der Provinz East Nile, Sudan, am 22. Juni 2019
[Datei: Hussein Malla/ AP]

Berichte aus Khartum, Darfur und den Nuba-Bergen belegen, dass christliche Familien gezielt ins Visier geraten. Kirchen werden geplündert oder besetzt, Priester verschleppt, Gläubige misshandelt. In einigen Regionen wird christlichen Flüchtlingen humanitäre Hilfe verweigert – einzig aufgrund ihres Glaubens. „Wer das Kreuz trägt, trägt das Risiko des Todes“, sagte ein überlebender Pastor aus Omdurman gegenüber einer Hilfsorganisation.

Verfolgung im Verborgenen

Die sudanesischen Christen machen schätzungsweise nur vier bis fünf Prozent der Bevölkerung aus. Dennoch werden sie seit Jahrzehnten systematisch diskriminiert. Unter Bashir galt der Islam als Staatsreligion, und christliche Schulen, Kirchen und Vereine wurden streng überwacht. Zwar wurde 2020 die Scharia formell aufgehoben, doch seit dem neuerlichen Krieg ist davon nichts mehr geblieben.

In den Flüchtlingslagern im Westen und Süden des Landes kommt es laut Augenzeugen immer wieder zu Zwangskonvertierungen. Milizionäre bieten Christen „Schutz“ – aber nur, wenn sie das Glaubensbekenntnis zum Islam sprechen. Wer sich weigert, verliert oft alles: Besitz, Familie, Heimat. Besonders Frauen und Kinder sind gefährdet – sie werden entführt, zwangsverheiratet oder als Sklaven verkauft.

Displaced Sudanese, who fled the Zamzam camp, gather near the town of Tawila in North Darfur on February 14, 2025. Last week, shelling and gunfire shook the streets as the Rapid Support Forces, at war with the army for nearly two years, stormed the famine-stricken camp in the Darfur region, turning the site into a „killing field“. (Photo by AFP) (Photo by -/AFP via Getty Images)

Kirchen unter Beschuss

Die Gewalt richtet sich nicht nur gegen Einzelpersonen, sondern gegen das sichtbare Zeichen des Christentums selbst: die Kirche.
In Khartum wurden fast alle grossen Kirchen zerstört oder besetzt, darunter auch katholische und evangelische Gemeinden, die jahrzehntelang in Frieden wirkten. In Darfur und Kordofan brannten mehrere Dorfkirchen nieder, oft gezielt nach militärischen Angriffen. „Das Kreuz ist für sie ein Kriegsziel geworden“, sagte ein sudanesischer Priester in einem Interview mit Open Doors.

Selbst dort, wo der Krieg nicht unmittelbar tobt, stehen Christen unter Druck. Lokale Behörden – ob islamistisch oder militärisch geprägt – verweigern Genehmigungen für Wiederaufbau, verwehren humanitäre Unterstützung und kontrollieren religiöse Versammlungen. Wer als Christ arbeitet oder Hilfe verteilt, wird schnell der „Missionierung“ bezichtigt und bedroht.

Glaube in der Dunkelheit

Trotz dieser Unterdrückung wächst der Glaube vieler Christen im Sudan im Verborgenen. In improvisierten Unterkünften, Ruinen und Flüchtlingslagern feiern sie heimlich Gottesdienste, oft mit nichts weiter als einer Bibel und einer Kerze. Ein katholischer Katechist aus den Nuba-Bergen berichtete:

„Wir haben keine Kirchen mehr, keine Altäre, keine Glocken. Aber wir haben Christus. Und das reicht uns, um weiterzumachen.“

Diese Zeugnisse erinnern an die frühe Kirche, die im Untergrund überlebte und im Leid Zeugnis ablegte. Im Sudan geschieht heute dasselbe – mitten in einem vergessenen Krieg.

Das Schweigen Europas

Während der Krieg in der Ukraine weltweit Schlagzeilen macht, spielt der Sudan in der europäischen Politik kaum eine Rolle. Kaum ein europäischer Aussenminister spricht über das Leid der Christen, und die EU beschränkt sich auf diplomatische Appelle. Milliarden werden für militärische und humanitäre Unterstützung in Osteuropa mobilisiert – und das ist richtig –, doch für Afrika bleibt fast nichts übrig.

Diese Ungleichheit in der Aufmerksamkeit ist beschämend.
Natürlich darf man zwei Kriege nicht gegeneinander aufrechnen: das Leid der ukrainischen Bevölkerung ist real und schrecklich. Aber die Frage bleibt erlaubt – ja, notwendig –, warum die verfolgten Christen im Sudan keine Stimme im Westen finden. Warum schweigt Europa, wenn Kirchen brennen, Kinder verhungern und ganze Gemeinden ausgelöscht werden?

Die EU bezeichnet sich gern als „Verteidigerin der Menschenrechte“. Doch das Schweigen zu den religiösen Verfolgungen in Afrika wirft ein moralisches Licht auf diese Worte. Menschenrechte, die nur dort gelten, wo Kameras laufen oder wirtschaftliche Interessen berührt sind, verlieren ihren Sinn. Wer im Namen der Freiheit handelt, darf nicht selektiv hinschauen.

Ein Aufruf an die Kirche der Welt

Während internationale Medien über politische Machtkämpfe berichten, wird die religiöse Dimension der Krise kaum beachtet. Doch für die Christen des Sudan ist dieser Krieg mehr als ein Kampf um Territorium – es ist ein Kampf um ihr Überleben im Glauben.

Der Westen, auch die Kirche in Europa, darf diese Brüder und Schwestern nicht vergessen. Sie brauchen Gebet, praktische Hilfe und eine Stimme, die für sie spricht. Wer heute über Religionsfreiheit redet, darf nicht schweigen, wenn ganze Gemeinden ausgelöscht werden, nur weil sie den Namen Christi bekennen.

„Wenn ein Glied leidet, leiden alle Glieder mit“ (1 Kor 12,26).
Dieses Wort des Apostels Paulus ist im Sudan keine Metapher – es ist blutige Wirklichkeit.

Schlusswort

Der Sudan steht exemplarisch für das Leiden vieler Christen in der arabisch-afrikanischen Welt. Der Krieg hat das Land verwundet, aber der Glaube lebt weiter – verborgen, aber ungebrochen. Es ist ein Glaube, der uns herausfordert, hinzusehen, mitzuleiden und zu handeln.

Denn das Blut der Märtyrer ist immer der Same der Kirche – auch im vergessenen Krieg des Sudan.

Von admin