Die Initiative „My Voice, My Choice“ hat sich zu einer der einflussreichsten zivilgesellschaftlichen Bewegungen in Europa entwickelt. Als offizielle Europäische Bürgerinitiative (EBI) fordert sie eine Harmonisierung des Zugangs zu sicheren Schwangerschaftsabbrüchen und adressiert die tiefen rechtlichen Gräben zwischen den EU-Mitgliedstaaten.

1. Kernziele und politischer Hintergrund

Die Kampagne reagiert auf die Tatsache, dass in der EU ein „Flickenteppich“ an Gesetzen existiert – von fast vollständigen Verboten in Ländern wie Polen oder Malta bis hin zu liberalen Regelungen in anderen Staaten. Die zentralen Forderungen sind:

  • Finanzielle Unterstützung: Die EU soll einen Mechanismus schaffen, der Mitgliedstaaten finanziell hilft, wenn sie Frauen aus Ländern mit restriktiven Gesetzen eine Behandlung ermöglichen.
  • Sicherer Zugang: Niemand in Europa soll aufgrund seines Wohnortes oder seiner finanziellen Situation an einer sicheren medizinischen Versorgung gehindert werden.

2. Das Finanzierungsnetzwerk und die Organisation

Hinter der Bewegung steht ein breites Bündnis aus Aktivisten, NGOs und Experten. Die Struktur ist auf Transparenz und breite Unterstützung ausgelegt:

  • Transparenzregeln: Als offizielle EBI unterliegt die Kampagne strengen Regeln. Spenden über 500 € müssen offengelegt werden, um verdeckte Einflussnahme zu verhindern.
  • Trägerorganisationen: Geleitet wird das Projekt vom Komitee des slowenischen 8. März Instituts unter Nika Kovač. Wichtige Partner sind nationale Organisationen wie Planning Familial (Frankreich) sowie die European Women’s Lobby (EWL) und die International Planned Parenthood Federation (IPPF).
  • Mittelherkunft: Die Finanzierung stützt sich primär auf Crowdfunding und Mikrospenden. Ergänzt wird dies durch die Unterstützung internationaler Stiftungen für Menschenrechte, wobei die Kampagne ihre Unabhängigkeit als Basisbewegung betont.

3. Die Rolle der DACH-Region (Stand Januar 2026)

Obwohl die rechtliche Lage unterschiedlich ist, zeigt sich eine starke Vernetzung in der Region:

LandStatus in der KampagneAktuelle Entwicklungen
DeutschlandOffizielles EBI-MitgliedÜber 187’000 Unterschriften gesammelt (Quorum von 67’000 weit übertroffen).
ÖsterreichOffizielles EBI-MitgliedÜber 25’300 Unterschriften gesammelt; starke Mobilisierung durch das Bündnis #aufstehn.
SchweizStrategischer PartnerKeine formale EBI-Teilnahme (da kein EU-Mitglied), aber enge Kooperation durch NGOs und Fachstellen.

Fokus Schweiz: „Meine Gesundheit – Meine Wahl!“

In der Schweiz wird die Kampagne vor allem durch Sexuelle Gesundheit Schweiz (SGCH) unterstützt. Die Organisation ist akkreditiertes Mitglied der IPPF und damit direkt in das europäische Netzwerk eingebunden.

  • Nationale Ziele: Parallel zur EU-EBI läuft in der Schweiz die Forderung, den Schwangerschaftsabbruch vollständig aus dem Strafgesetzbuch zu streichen und ihn stattdessen in einem Gesundheitsgesetz zu regeln (Petition „Meine Gesundheit – Meine Wahl!“).
  • Internationale Rolle: Schweizer Stiftungen und Fachstellen dienen oft als finanzielle oder strategische Drehscheiben für das europäische Netzwerk, da sie über jahrzehntelange Erfahrung in der Kooperation mit EU-Partnern verfügen.

4. Die Gegenbewegungen: Netzwerke und Widerstand

„My Voice, My Choice“ steht einem hochgradig organisierten Widerstand gegenüber. Diese Gruppen agieren unter Bannern wie „Pro-Life“ oder „Traditionelle Werte“:

  • Akteure: Organisationen wie One of Us (Einer von uns) oder das Netzwerk Agenda Europe leisten intensive Lobbyarbeit. In der Schweiz ist der Marsch fürs Läbe ein zentraler Akteur.
  • Finanzierung der Gegenseite: Untersuchungen zeigen, dass diese Bewegungen oft durch kirchennahe Stiftungen, konservative US-Geldgeber und teils russische Akteure finanziert werden, um ein konservatives Gesellschaftsbild zu fördern.

5. Rechtliche Hürden und aktueller Erfolg

Damit die Initiative Erfolg hat, musste sie die Hürde von 1 Million verifizierten Unterschriften nehmen.

  • Meilenstein: Mit über 1,2 Millionen Unterschriften wurde die Initiative im September 2025 offiziell eingereicht.
  • Parlamentarischer Rückenwind: Am 17. Dezember 2025 stimmte das Europäische Parlament mit grosser Mehrheit (358 Stimmen) für die Unterstützung der Initiative.
  • Ausblick: Die Europäische Kommission muss nun bis Anfang März 2026 eine offizielle Antwort geben, welche konkreten Gesetzesvorschläge oder Massnahmen sie zur Umsetzung des Solidaritätsmechanismus plant.

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Von admin