Ein jahrzehntealtes Privileg fällt weg: Der Bund schafft die Befreiung von der Wehrpflicht für angehende Theologinnen und Theologen ab. Für die Schweizer Landeskirchen ist das ein schwerer Schlag. Sie kritisieren nicht nur das Vorgehen der Behörden scharf, sondern sorgen sich um die Zukunft der Seelsorge in einer Gesellschaft, die ohnehin unter akutem Fachkräftemangel leidet.
In einer Zeit, in der Institutionen weltweit nach Stabilität suchen, bricht in der Schweiz eine fest verankerte Tradition weg. Bisher galt im Schweizer Militärrecht eine pragmatische Ausnahmeregelung: Wer ein Theologiestudium absolvierte und sich verbindlich auf den Dienst als Pfarrerin, Priester oder Seelsorgende vorbereitete, konnte auf Antrag von der Wehrpflicht befreit werden. Der Hintergedanke war klar: Der gesellschaftliche und geistliche Dienst an der Gemeinschaft wurde als gleichwertiger Beitrag zum Wohl des Landes anerkannt.
Damit ist nun abrupt Schluss. Der Bund hat entschieden, diese Ausnahmeregelung ersatzlos zu streichen. Künftig gilt die Wehrpflicht für angehende Theologiestudierende uneingeschränkt – eine Nachricht, die in den Chefetagen der Kirchen für helle Aufregung sorgt.
Vorwurf der Willkür und mangelnder Dialog
Die Reaktionen der Evangelisch-reformierten Kirche Schweiz (EKS) und der Schweizer Bischofskonferenz (SBK) fielen ungewohnt deutlich aus. Die Rede ist von einem «willkürlichen» und «überstürzten» Entscheid. Besonders sauer stösst den Kirchenleitungsorganen auf, dass der Schritt ohne vorgängige Konsultation oder vertieften Dialog vollzogen wurde.
«Ein solcher Grundsatzentscheid greift mitten in laufende Ausbildungs- und Lebensentwürfe junger Menschen ein», heisst es aus kirchennahen Kreisen. Die Kritik richtet sich dabei nicht primär gegen die Wehrpflicht an sich, sondern gegen die kompromisslose Art der Umsetzung, die jegliche Übergangsfristen oder geschmeidige Lösungen vermissen lässt.
Ein Schlag gegen eine Branche im Krisenmodus
Der Zeitpunkt der Neuregelung könnte aus Sicht der Kirchen kaum unglücklicher sein. Sowohl die reformierte als auch die katholische Kirche kämpfen seit Jahren mit einem massiven Nachwuchsmangel. Immer weniger junge Menschen entscheiden sich für ein mehrjähriges, anspruchsvolles Theologiestudium.
Wenn nun zusätzliche Hürden wie die zeitliche Doppelbelastung durch Rekrutenschule und Wiederholungskurse hinzukommen, könnte dies potenzielle Studierende vollends abschrecken. Die Befürchtung: Das Berufsbild des Seelsorgers verliert weiter an Attraktivität – mit spürbaren Folgen für das gesamte Land.
Was steht für die Gesellschaft auf dem Spiel?
Die Diskussion geht weit über параграфы und Paragrafen hinaus; sie berührt Kernfragen des gesellschaftlichen Zusammenhalts. Seelsorgende leisten tägliche Basisarbeit, die oft im Verborgenen bleibt, aber unverzichtbar ist:
- Krisenintervention: In Spitälern, Gefängnissen und Notfallseelsorge-Einheiten fangen sie Menschen in den dunkelsten Momenten ihres Lebens auf.
- Armeeseelsorge: Ironischerweise sind es oft genau diese ausgebildeten Theologinnen und Theologen, die später in der Armee als Armeeseelsorger Dienst leisten und Soldatinnen und Soldaten in Belastungssituationen zur Seite stehen.
- Sozialer Halt: In den Gemeinden tragen sie massgeblich zur Prävention von Einsamkeit und zur Integration bei.
Wenn diese Strukturen durch Personalmangel ausbluten, trifft das nicht nur die Kirchen, sondern das gesamte soziale Gefüge der Schweiz.
Gleichbehandlung versus gesellschaftlicher Nutzen
Der Bund rechtfertigt die Streichung vor allem mit dem Grundsatz der Rechtsgleichheit: Vor dem Gesetz und bei der Wehrpflicht sollen alle Schweizer Bürger gleich behandelt werden – Sonderregelungen für einzelne Berufsgruppen seien im 21. Jahrhundert schwer vermittelbar.
Für die Kirchen ist diese Argumentation jedoch kurzsichtig. Sie plädieren dafür, den spezifischen Nutzen für das Gemeinwohl höher zu gewichten als starre Prinzipien. Während die Verantwortlichen nun prüfen, welche rechtlichen und politischen Wege offenstehen, bleibt eine Unsicherheit zurück: Wie kann die Ausbildung künftig so gestaltet werden, dass Studium, Seelsorge und Dienstpflicht miteinander vereinbar bleiben?
novaradio.ch
