Die Frage nach einer möglichen Seligsprechung Papst Benedikts XVI. ist keine emotionale, sondern eine strikt theologische und kirchenrechtliche. In der Lehre der Kirche bedeutet Seligsprechung die verbindliche Feststellung, dass ein Verstorbener die christlichen Tugenden in heroischem Mass gelebt hat und nun im Himmel ist, sodass er als Fürsprecher angerufen werden darf. Sie ist kein Akt privater Verehrung, sondern ein Urteil des kirchlichen Lehramtes über Leben, Glaube und Fruchtbarkeit eines Pontifikates.
Ein offizielles Verfahren zur Seligsprechung Benedikts XVI. ist derzeit noch nicht eröffnet. Dennoch ist festzustellen, dass erste vorbereitende Schritte bereits erfolgt sind, die sich klar innerhalb der überlieferten Praxis der Kirche bewegen.
Abschließend gibt Erzbischof Gänswein bekannt, dass er bereits Zeugnisse über angebliche Wunder durch die Fürbitte Benedikts XVI. sammelt. Ein offizielles Verfahren zur Seligsprechung sei zwar noch nicht eröffnet, doch der ehemalige Sekretär leitete die Sammlung der Unterlagen selbständig ein – in Übereinstimmung mit der Praxis der Heiligsprechungsprozesse, wie er betont.
Dogmatisch ist dieser Schritt von Bedeutung, da der Ruf der Heiligkeit stets aus dem Volk Gottes erwächst und nicht künstlich erzeugt werden darf. Die Kirche prüft diesen Ruf sorgfältig, indem sie Zeugnisse über Gebetserhörungen, Glaubenstreue und sittliche Lauterkeit sammelt und bewertet. Erst wenn sich dieser Ruf als dauerhaft und glaubwürdig erweist, kann ein formales Verfahren beginnen.
Msgr. Gänswein setzt damit einen ersten Schritt, um ein Kanonisierungsverfahren vorzubereiten. Tatsächlich ist das Grab Benedikts XVI. in den Vatikanischen Grotten zum Ziel zahlreicher Pilger geworden, die ihre Verbundenheit mit dem Oberhirten der Jahre 2005 bis 2013 zum Ausdruck bringen. Diese Verehrung ist nicht organisiert oder gesteuert, sondern entsteht aus persönlicher geistlicher Überzeugung.
Dies geschieht, obwohl im Heiligen Jahr der Zugang durch die Lenkung von Pilger- und Besucherströmen im Petersdom verwirrend und einschränkend ist. Das Gegenteil gilt für das Grab von Franziskus. In Santa Maria Maggiore werden die Pilgerströme so gelenkt, dass die Heilige Pforte den einzigen Zugang zu dieser Patriarchalbasilika bildet und Pilger oder Touristen gezielt zum Grab von Franziskus geführt werden.
Theologisch ist zudem hervorzuheben, dass Benedikt XVI. selbst jede Form von Personalisierung des Glaubens entschieden zurückgewiesen hat. Sein Denken war radikal auf Christus, auf die Wahrheit der Offenbarung und auf die Kontinuität der kirchlichen Lehre ausgerichtet. Gerade diese selbstlose Unterordnung unter die objektive Wahrheit des Glaubens wird von vielen Gläubigen als Ausdruck innerer Heiligkeit gedeutet.
Ob und wann ein offizielles Seligsprechungsverfahren eröffnet wird, bleibt einer Entscheidung des Apostolischen Stuhls vorbehalten. Dogmatisch fest steht jedoch, dass der geistliche Nachhall dieses Pontifikates anhält und dass Benedikt XVI. im Bewusstsein vieler Gläubiger nicht nur als Lehrer des Glaubens, sondern als glaubwürdiger Zeuge christlicher Heiligkeit präsent bleibt.
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