Das Märchen vom angeblichen Geburtstag des römischen Sonnengottes

Eine historische, theologische und patristische Widerlegung

Die Behauptung, das christliche Weihnachtsfest am 25. Dezember sei lediglich eine Umdeutung des heidnischen Geburtstages des römischen Sonnengottes Sol Invictus, gehört heute zum festen Bestand religionskritischer Narrative. Sie wird oft mit grosser Selbstverständlichkeit vorgetragen, hält jedoch einer nüchternen historischen und theologischen Prüfung nicht stand. Insbesondere die Zeugnisse der frühen Kirche zeigen eindeutig, dass der Termin des Weihnachtsfestes aus innerchristlicher Überlegung hervorgegangen ist und nicht aus heidnischer Anpassung.


1. Der angebliche Geburtstag des Sol Invictus – eine unsichere Grundlage

Zwar ist bekannt, dass Kaiser Aurelian im Jahr 274 n. Chr. den Kult des Sol Invictus staatlich förderte und ihm in Rom einen Tempel weihte. In späteren römischen Kalendern findet sich am 25. Dezember der Eintrag Dies natalis Solis Invicti. Doch diese Quelle ist problematisch:

Sie ist zeitlich spät.
Sie steht isoliert.
Sie beweist keinen allgemein verbreiteten, volkstümlichen Sonnengott-Geburtstag.

Der Althistoriker Steven Hijmans fasst den Forschungsstand nüchtern zusammen:

„There is no clear evidence that December 25 was widely celebrated as a pagan festival before it was used by Christians.“
(Steven Hijmans, Sol: The Sun in the Art and Religions of Rome, Groningen 2009)

Es existieren somit keine belastbaren Belege dafür, dass der 25. Dezember vor dem Christentum ein reichsweit etabliertes Sonnenfest gewesen wäre.


2. Die innerchristliche Berechnung: Kreuzestod und Empfängnis Christi

Entscheidend für das Weihnachtsdatum ist eine frühjüdisch-christliche Vorstellung: Bedeutende Heilsgestalten wurden am selben Kalendertag empfangen, an dem sie starben. Für Jesus Christus wurde der Todestag sehr früh auf den 25. März festgelegt.

Tertullian († nach 220)

Tertullian nennt dieses Datum ausdrücklich:

Lateinischer Originaltext:
Passio Christi sub Tiberio Caesare facta est, octavo Kalendas Apriles.

Deutsche Übersetzung:
„Das Leiden Christi geschah unter Kaiser Tiberius, am achten Tag vor den Kalenden des April.“
(Adversus Iudaeos, 8)

Der „achte Tag vor den Kalenden des April“ entspricht nach römischer Zeitrechnung dem 25. März. Von diesem Datum ausgehend wurde in der frühen Kirche neun Monate weitergerechnet. So ergab sich folgerichtig der 25. Dezember als Geburtsdatum Christi.

Diese Berechnung ist theologisch-symbolisch, nicht astronomisch und erst recht nicht heidnisch motiviert.


3. Hippolyt von Rom: Der früheste klare Weihnachtsbeleg

Bereits im frühen 3. Jahrhundert nennt der Kirchenvater Hippolyt von Rom den 25. Dezember eindeutig als Geburtstag Christi – lange vor jeder staatlichen Sonnengott-Politik.

Hippolyt von Rom († ca. 235)

Lateinischer Originaltext:
Prima adventus Domini nostri in carne, qua natus est in Bethlehem, facta est octavo Kalendas Ianuarias.

Deutsche Übersetzung:
„Die erste Ankunft unseres Herrn im Fleisch, als er in Bethlehem geboren wurde, geschah am achten Tag vor den Kalenden des Januar.“
(Kommentar zum Buch Daniel, IV, 23)

Der „achte Tag vor den Kalenden des Januar“ ist eindeutig der 25. Dezember. Diese Aussage stammt aus einem exegetischen Werk und nicht aus späterer liturgischer Polemik. Gerade das verleiht ihr besonderes historisches Gewicht.


4. Augustinus: Christus ist nicht die Sonne, sondern ihr Schöpfer

Augustinus von Hippo setzt sich mehrfach und sehr deutlich mit der Sonnenverehrung auseinander und grenzt den christlichen Glauben scharf von heidnischen Kulten ab.

a) Sermo 190 – Weihnachtspredigt

Lateinischer Originaltext:
Non propter solem istum diem celebramus, sed propter eum qui solem fecit.

Deutsche Übersetzung:
„Nicht wegen der Sonne feiern wir diesen Tag, sondern wegen dessen, der die Sonne erschaffen hat.“

b) Sermo 198 – Warnung vor heidnischem Irrtum

Lateinischer Originaltext:
Errant qui solem colunt. Nos solem non colimus, sed creatorem solis.

Deutsche Übersetzung:
„Irren jene, die die Sonne verehren. Wir verehren nicht die Sonne, sondern den Schöpfer der Sonne.“

Augustinus macht unmissverständlich klar: Wenn das Christentum Licht- und Sonnenbilder verwendet, dann nicht aus Anpassung, sondern aus bewusster theologischer Abgrenzung. Weihnachten ist kein Naturfest, sondern ein christologisches Bekenntnis.


5. Christus als wahre Sonne – Erfüllung statt Übernahme

Die Heilige Schrift selbst verwendet Licht- und Sonnenmotive, jedoch in grundsätzlich anderer Bedeutung:

„Euch aber, die ihr meinen Namen fürchtet, wird die Sonne der Gerechtigkeit aufgehen.“
(Maleachi 3,20)

„Ich bin das Licht der Welt.“
(Johannes 8,12)

Christus ist hier nicht Teil des Kosmos, sondern dessen Herr. Die Kirche verstand diese Bilder nicht mythologisch, sondern heilsgeschichtlich.


6. Wer kopierte wen? Eine oft übersehene Gegenfrage

Der staatlich geförderte Sol-Invictus-Kult wurde erst 274 n. Chr. institutionalisiert. Christliche Zeugnisse für den 25. Dezember liegen jedoch zeitlich davor. Mehrere Historiker halten es daher für plausibel, dass der Sonnengott-Kult seinerseits als religiös-politische Gegenbewegung zum rasch wachsenden Christentum zu deuten ist.


7. Fazit

Die patristischen Zeugnisse sprechen eine klare Sprache:

Der 25. Dezember ist innerchristlich begründet.
Er ist theologisch aus Kreuzestod und Empfängnis Christi hergeleitet.
Er ist klar von heidnischer Sonnenverehrung abgegrenzt.

Weihnachten feiert nicht den Lauf der Sonne, sondern das zentrale Bekenntnis des Christentums:

Das wahre Licht ist in die Welt gekommen. (Joh 1,9).

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