Als Erzbischof Víctor Manuel „Tucho“ Fernández am 5. August 2023 in der Kathedrale von La Plata auf der Kanzel stand, um sich vor seiner Fahrt nach Rom von seiner Heimatdiözese zu verabschieden, goss er sein theologisches Programm in Worte, die wie ein Manifest der Barmherzigkeit klangen. Er rief den Gläubigen zu: „Ich habe manchmal Klagen erhalten, wenn ich mich auf die Rechte der Ärmsten bezogen habe. Aber für mich ist es unvermeidlich, das zu tun, es ist ein untrennbarer Teil meines Priestertums. Tucho, vergiss die Armen nicht – das hat sich mir mein ganzes Leben lang ins Gehirn und ins Herz gebohrt.“ Es war das flammende Plädoyer für eine Kirche, die niemanden ausgrenzt, die Barrieren abbaut und die Wunden derer heilt, die am Rande stehen.
Wer jedoch die jüngsten Entwicklungen im Vatikan analysiert, erkennt ein tiefes, systemisches Paradoxon in der Amtsführung des heutigen Glaubenspräfekten. Der Kurs, den Fernández seither fährt, offenbart eine theologische Asymmetrie, die das Vertrauen in die universale Gerechtigkeit der Kurie erschüttert.
Auf der einen Seite steht die pastorale Dehnung nach links: Mit dem Dokument Fiducia supplicans forcierte Fernández die Öffnung für Segnungen von Paaren in irregulären Situationen. Hier gilt das Dogma der Inklusion, koste es an kirchlicher Einheit, was es wolle. Auf der anderen Seite zeigt derselbe Präfekt eine unerbittliche Härte, wenn es um das kirchenrechtliche Territorium in Europa geht. Als die Piusbruderschaft im schweizerischen Écône ohne päpstliches Mandat neue Bischöfe weihte und damit das Schisma vollzog, griff Fernández sofort zum schärfsten kirchenrechtlichen Instrument: Er stellte die automatische Exkommunikation fest. Wo gestern noch von Dialog und unendlicher Geduld die Rede war, herrscht heute das unnachgiebige Gesetz des Buchstabens. Das Schisma von Écône wird mit administrativer Perfektion geahndet.
Dieses unbarmherzige Durchgreifen im Norden wirft jedoch ein grelles, fast unerträgliches Licht auf das gleichzeitige Schweigen im Süden. Während der Vatikan beträchtliche Energie aufwendet, um traditionalistische Abweichler kirchenrechtlich zu liquidieren, herrscht angesichts der existenziellen Gefahren für die Weltkirche in Afrika ein ohrenbetäubendes Desinteresse. In Ländern wie Nigeria, Mali oder Burkina Faso stehen Priester und Ordensleute täglich an einer blutigen Front. Sie werden entführt, gefoltert und ermordet – nicht wegen theologischer Nuancen, sondern weil sie als Zeugen des Evangeliums das letzte Bollwerk der Menschlichkeit bilden.
Dass aus dem Mund des Mannes, der einst predigte, niemanden auszugrenzen, kein einziger kraftvoller Ton der Verteidigung, kein flammender Appell für diese sterbenden Hirten der Peripherie zu hören ist, hinterlässt ein moralisches Vakuum. Es drängt sich der Verdacht auf, dass die Prioritäten des Vatikans von westeuropäischen Kulturdebatten und kirchenpolitischen Machtkämpfen diktiert werden, während das reale Martyrium der Weltkirche zur pastoralen Fußnote verkommt.
Die Reise, für die Fernández nach Rom gefahren ist, erweist sich somit als selektive Kursfahrt: Der moralische Kompass des Glaubensdikasteriums schlägt zuverlässig aus, um kirchenrechtlichen Ungehorsam in der Schweiz zu bestrafen, bleibt aber seltsam stumm, wenn in Afrika das Blut derer fliesst, die den Glauben mit ihrem Leben bezahlen.
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