Sie trugen weder Nadelstreifenanzüge noch Waffen, und ihre Treffen fanden nicht in dunklen Hinterzimmern statt, sondern in der ehrwürdigen Kulisse des Bischofssitzes von St. Gallen. Dennoch ging die Gruppe um den Schweizer Kardinal Karl Lehmann und den St. Galler Bischof Ivo Fürer als die „Mafia von St. Gallen“ in die Kirchengeschichte ein – ein Augenzwinkern des Kardinals Godfried Danneels, das der konservativen Kirchenpresse ein gefundenes Fressen bot.

Das Leben: Ein leises Netzwerk der Reformer

Die Geschichte dieser Gruppe begann Mitte der 1990er-Jahre als eine Art intellektueller Zufluchtsort. Bischof Ivo Fürer lud ein, und die Hochgewächse des europäischen Episkopats kamen: Danneels aus Brüssel, Lehmann aus Mainz, Walter Kasper aus der Vatikanstadt und später auch der Mailänder Kardinal Carlo Maria Martini.

Ihr Anliegen war schlicht, aber im Rom von Johannes Paul II. hochgradig brisant: Sie suchten den freien Diskurs. Sie sprachen über Fragen, die im Vatikan als Tabu galten – den Umgang mit Wiederverheirateten, die Sexualmoral, die Kollegialität der Bischöfe und die Dezentralisierung der Kirchenmacht. Es war ein Freundeskreis, der den Geist des Zweiten Vatikanischen Konzils gegen den erstarrenden römischen Zentralismus verteidigen wollte.

Die Wunder: Seltene politische Sternstunden

Handfeste Kirchenwunder im klassischen Sinne suchte man in St. Gallen vergebens. Die „Wunder“ der Gruppe waren rein kirchenpolitischer Natur – und sie blieben spärlich:

  • Das Wunder des freien Wortes: In einer von Gehorsam geprägten Kirchenstruktur schufen sie einen Raum, in dem Bischöfe ohne Angst vor römischen Sanktionen laut denken durften.
  • Die späte Ausstrahlung: Das wohl grösste „Wunder“ der Gruppe ereignete sich Jahre nach ihren aktivsten Zeiten. Als im März 2013 ein gewisser Jorge Mario Bergoglio als Papst Franziskus den Balkon des Petersdoms betrat, erkannten viele in seinem Programm – Dezentralisierung, Barmherzigkeit, Synodalität – genau jene Themen wieder, die in St. Gallen über Jahre hinweg gereift waren.

Der Tod: Das Ende einer Generation

Die Gruppe war nie als dauerhafte Organisation angelegt; sie hing an den Personen. Um das Jahr 2006 lösten sich die regelmässigen Treffen von selbst auf. Der endgültige Tod der „Mafia“ vollzog sich jedoch nicht an einem Stichtag, sondern im biologischen Wandel der Zeit. Mit dem Tod von Kardinal Martini (2012), Kardinal Lehmann (2018), Kardinal Danneels (2019) und schliesslich dem St. Galler Gastgeber Ivo Fürer im Jahr 2022 erlosch die Generation dieser Reformbischöfe schrittweise.

Was bleibt, ist kein Mythos einer Verschwörung, sondern das Erbe einer mutigen Denkfabrik. Die St. Galler „Mafia“ starb mit ihren Mitgliedern – aber viele ihrer Ideen leben heute im Herzen des Vatikans weiter.

Redaktionskommentar (novaradio.ch)

Ein Schweizer Impuls, der bis nach Rom hallt

Dass ausgerechnet das beschauliche St. Gallen zum Schauplatz einer der wohl spannendsten kirchenpolitischen Episoden der jüngeren Geschichte wurde, mag auf den ersten Blick schmunzeln lassen. Der Begriff „Mafia“ war ein theatralischer Griff in die Kiste der Rhetorik – doch der Kern der Treffen war das genaue Gegenteil von finsterer Hinterzimmerpolitik: Es war ein Dringlichkeitsruf nach Offenheit.

Die St. Galler Gruppe hat gezeigt, wie wichtig geschützte Räume für Reformgedanken sind, gerade in Institutionen, die sich mit Veränderungen schwertun. Dass viele ihrer einstigen Postulate heute unter Papst Franziskus Teil des offiziellen Vatikandiskurses sind, belegt die Weitsicht dieser Bischöfe.

Für uns in der Schweiz bleibt die Erkenntnis: Mutiger Dialog und das beharrliche Einstehen für Veränderung können selbst aus der Provinz heraus die Weltbühne ins Wanken bringen. Die „Mafia“ mag Geschichte sein, aber der von ihr vorgelebte Geist der Debatte ist heute aktueller denn je.

— Die Redaktion von novaradio.ch

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