Die Auseinandersetzung um die Traditionelle Lateinische Messe (die sogenannte tridentinische Form oder Usus Antiquior) wird in der Gegenwart oft als rein kirchenpolitischer Parteienstreit missverstanden. Eine rein soziologische oder ideologische Betrachtung greift jedoch theologisch und dogmatisch zu kurz. Wenn Kardinal Robert Sarah formuliert, dass der Widerstand gegen die alte Messe mit der „68er-Generation“ aussterben werde, berührt dies das fundamentale Wesen der Katholizität: das Verhältnis von Zeit, Tradition, Ekklesiologie und der Lex Orandi zur Lex Credendi.
Dogmatische Grundlagen: Die Einheit der Lex Orandi und Lex Credendi
Das klassische Axiom Lex orandi, lex credendi („Das Gesetz des Betens bestimmt das Gesetz des Glaubens“) besagt, dass die Liturgie kein blosses Manifest des Zeitgeistes oder eine veränderbare Ausdrucksform soziokultureller Strömungen ist. Die Liturgie ist der verleiblichte Glauben der Kirche (Ecclesia orans).
Dogmatisch ist die katholische Kirche an den Begriff der Apostolischen Tradition gebunden. Diese Tradition ist kein starrer Konservativismus, sondern ein organisch wachsender Organismus (Dei Verbum). Eine Unterbrechung oder Herabwürdigung jahrhundertealter liturgischer Riten wirft ein schwerwiegendes ekklesiologisches Problem auf:
- Kontinuität des Heiligen Geistes: Wenn ein Ritus über ein Jahrtausend lang Heilige geformt und das Messopfer der Kirche gültig und fruchtbar ausgedrückt hat, kann er dogmatisch nicht plötzlich als „schädlich“, „überholt“ oder „spaltend“ erklärt werden.
- Hermeneutik der Kontinuität: Wie Benedikt XVI. darlegte, gibt es in der Geschichte der Kirche keinen Bruch in der Gültigkeit und Würde des Heiligen. Was früheren Generationen heilig war, bleibt heilig und gross auch für uns und kann nicht plötzlich ganz verboten oder gar als schädlich angesehen werden.
Theologische Analyse: Der Konflikt der Anthropologien
Der Widerstand der sogenannten „Generation von ’68“ gegen die traditionelle Liturgie entspringt einem spezifischen geistesgeschichtlichen Paradoxon der Nachkriegszeit.
- Die immanente Anthropologie der Moderne: Die Kulturrevolution von 1968 war geprägt von der Emanzipation vom Authoritären, der Vorherrschaft des Subjektiven und einer tiefen Skepsis gegenüber vorgegebenen Formen und Hierarchien. Übertragen auf die Liturgie führte dies vielerorts zu einer Überbetonung des Gemeinschaftsaspekts (Gemeinde feiert sich selbst) und einer Relativierung des Sakrifizialcharakters (des Opfercharakters der Messe).
- Der transzendente Fokus der Tradition: Der Usus Antiquior stellt demgegenüber das Dezentrierte in den Vordergrund: Nicht die Versammlung steht im Mittelpunkt, sondern das Opfer Christi, dargebracht dem Vater zur Sühne für die Sünden der Welt. Die Ausrichtung ad orientem (zum Osten/zum Kreuz hin), der Sakralismus der lateinischen Sprache und das hl. Schweigen (Silentium) betonen das Geheimnis (Mysterium) und die Ehrfurcht vor dem Transzendenten.
Der Widerstand der älteren Generation speist sich oft aus der Befürchtung, der Verzicht auf die Reformen der 1960er-Jahre bedeute den Verlust der gesellschaftlichen Relevanz.
Ekklesiologische Realität: Die Entdeckung der Tradition durch die Jugend
Die Paradoxie der aktuellen Kirchenkrise besteht darin, dass die jüngeren Generationen (Gläubige wie junge Priester) nicht im Zeitalter der Würzburger Synode oder der Umbruchsjahre nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil geprägt wurden. Sie erleben eine säkularisierte Welt, in der soziologische Anpassung die Kirchenbänke nicht gefüllt hat.
Für viele junge Katholiken stellt die traditionelle Liturgie daher keine Rückwärtsgewandtheit dar, sondern:
- Einen Raum der Heiligkeit: Ein Kontrapunkt zur profanen, verlärmten Alltags- und Konsumwelt.
- Objektive Verankerung: Eine Form des Gottesdienstes, die unabhängig von der Befindlichkeit oder Rhetorik des einzelnen Zelebranten steht.
- Identität und Wurzeln: Die Wiederentdeckung der Kontinuität mit der Gesamtkirche aller Jahrhunderte.
Kardinal Sarahs These stützt sich auf diese empirische und geistliche Beobachtung: Der Affekt gegen die Vorkonzilsform ist eng an den historischen Kontext der Reformarchitekten gebunden. Da die nachfolgenden Generationen diesen historischen Konflikt nicht mehr miterlebt haben, betrachten sie die Tradition unbefangener – oft als Quelle der Spiritualität und der Glaubensstärke.
Die Befreiung der Liturgie von den ideologischen Grabenkämpfen des 20. Jahrhunderts ist daher kein Akt des Ewiggestrigen, sondern eine Frage des dogmatischen Überlebens. Wenn die Kirche ihre organische Wurzel zur eigenen Geschichte kappt, verliert sie ihre Glaubwürdigkeit als Verwalterin des Depositum Fidei. Die Rückbesinnung auf das Sakrale weist somit den Weg in eine Zukunft, in der die Tradition nicht als Museumsstück, sondern als lebendiger Strom der Gnade verstanden wird.
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