In der traditionellen katholischen Publizistik hat ein Beitrag für erhebliche Unruhe gesorgt. Unter dem Titel „The Holy See Legitimizes Panentheism: A Heresy Against the Creator“ greift der Autor und Publizist Gaetano Masciullo in der US-Zeitung The Remnant ein Dokument der Internationalen Theologischen Kommission (ITC) des Vatikans scharf an. Masciullo wirft Roms Theologen vor, unter dem Vorwand einer ökologischen Theologie schleichend eine Denkweise zu rehabilitieren, die das Fundament der klassischen Metaphysik und des christlichen Offenbarungsglaubens untergräbt: den Panentheismus.

Verantwortlich für die Internationale Theologische Kommission ist der Präfekt des Dikasteriums für die Glaubenslehre, Kardinal Víctor Manuel Fernández, unter dessen Schirmherrschaft solche Grundsatzdokumente erarbeitet und veröffentlicht werden. Was auf den ersten Blick wie eine akademische Begriffsspaltung wirkt, berührt bei genauerer Betrachtung eine fundamentale Weichenstellung für das gesamte christliche Gottes-, Schöpfungs- und Erlösungsbild.

Die kategoriale Unterscheidung: Pantheismus vs. Panentheismus

Um die Stossrichtung von Masciullos Kritik zu verstehen, muss zunächst die begriffliche und ontologische Unterscheidung zwischen den beiden Strömungen offengelegt werden:

BegriffOntologische GrundformelGottesbild & Schöpfungsverhältnis
Pantheismus
(Alles ist Gott)
Gott=WeltVollständige Identität: Gott und Universum sind zwei Namen für dieselbe Substanz. Es gibt keine Transzendenz jenseits der Materie. Gott schöpft sich im Kosmos vollständig aus.
Panentheismus
(Alles ist in Gott)
Welt⊂GottInklusion mit Rest-Transzendenz: Die Welt existiert innerhalb des göttlichen Seins. Gott durchwirkt die Welt ontologisch, reicht jedoch als unendliches Sein über sie hinaus.

Philosophisch versucht der Panentheismus, die Klippen des reinen Pantheismus zu umschiffen: Während der Pantheismus jegliche Transzendenz Gottes leugnet und Gott auf die Natur reduziert (wie bei Baruch Spinoza), behauptet der Panentheismus, dass Gott zwar im Universum immanent ist, aber gleichzeitig eine höhere Realität bewahrt.

Was die Konzilien der Kirche zur Schöpfungslehre sagen

Die Position der katholischen Kirche gegen Versuche, Schöpfer und Geschöpf ontologisch zu vermengen, ist keineswegs neu. Sie wurde im Laufe der Jahrhunderte durch mehrere ökumenische Konzilien als unumstössliches Dogma definiert:

1. Das Viertelaterankonzil (1215)

Das IV. Laterankonzil stellte klar, dass Gott der einzige Urgrund aller Dinge ist. Es definierte, dass Gott die Welt aus absolut freiem Entschluss „gleich zu Beginn der Zeit aus dem Nichts erschaffen hat“ (creatio ex nihilo). Damit wurde jede Vorstellung verworfen, die Schöpfung sei ein Ausfluss (Emanation) des göttlichen Wesens oder ein Teil Gottes.

2. Das Konzil von Florenz (1442)

In der Bulle Cantate Domino bekräftigte das Konzil von Florenz die radikale Unterscheidung zwischen der unerschaffenen göttlichen Natur und der erschaffenen Natur. Gott hat die Schöpfung nicht aus seiner eigenen Substanz hervorgebracht, sondern durch seinen allmächtigen Willen aus dem Nichts geschaffen.

3. Das Erste Vatikanische Konzil (1869–1870) & Dei Filius

Die schärfste und verbindlichste Verurteilung des Pantheismus und seiner Mischformen erfolgte auf dem Ersten Vatikanum. In der dogmatischen Konstitution Dei Filius lehrte das Konzil unfehlbar:

  • Gott ist vollkommen von der Welt verschieden: Gott ist „ein einziges, gänzlich einfaches und unveränderliches geistiges Wesen […] von der Welt wirklich und im Wesen verschieden“.
  • Kanonische Verurteilung (Anathema): Das Konzil belegte jeden mit dem Kirchenbann, der behauptet:
    • Gott sei identisch mit dem Universum (reiner Pantheismus).
    • Die göttliche Substanz entfalte sich durch Evolution in die Dinge der Welt hinein.
    • Gott sei das universale oder unbestimmte Sein, das sich durch die Begrenzung zur Welt formt.

Die theologische und dogmatische Demontage durch Masciullo

In seinem Beitrag legt Gaetano Masciullo dar, warum die Inanspruchnahme des Panentheismus im vatikanischen Dokument „Caring for Our Common Home: A Responsible and Fraternal Response to the Trinitarian God“ theologisch und dogmatisch eine Katastrophe darstellt. Für ihn ist die Unterscheidung zwischen Pantheismus und Panentheismus auf ontologischer Ebene rein terminologische Augenwischerei.

Masciullo argumentiert, dass der Panentheismus den Pantheismus keineswegs korrigiert, sondern ihn lediglich für ein modernes, ökologisch geprägtes Publikum verfeinert. Die dogmatischen Konsequenzen wiegen im Detail schwer:

1. Der Bruch mit den Konzilien

Wenn das vatikanische Dokument behauptet, die Welt existiere in Gott oder verstricke Gott in den kosmischen Reifungsprozess, tritt es das unfehlbare Dogma von Dei Filius mit Füssen. Gott verliert seine absolute metaphysische Freiheit; die Schöpfung wird von einer freiwilligen Gnaden- und Liebestat zu einer Notwendigkeit des göttlichen Seins selbst.

2. Der Verlust der echten Transzendenz

Aus klassisch-theologischer Sicht ist Transzendenz nicht bloss ein „Mehr an Raum“ oberhalb des Universums, sondern ein kategorialer Unterschied des Seins: Gott ist der unerschaffene Schöpfer (Ens a se), während alles Geschaffene ontologisch von ihm abhängt (Ens ab alio). Der Panentheismus vermischt diese Seinskategorien und koppelt das Göttliche an die Zeitlichkeit und Verletzlichkeit der Materie.

3. Die soteriologische Kollision: Entwertung von Erbsünde und Kreuz

Die tiefgreifendste Erschütterung betrifft die Erlösungslehre (Soteriologie). Wenn die Materie selbst von Natur aus göttlich durchwirkt ist und sich in einem kosmischen Evolutionismus (unter Berufung auf Pierre Teilhard de Chardin) auf einen göttlichen Punkt hin entwickelt:

  • Entfremdung fällt weg: Die Erbsünde wird nicht mehr als tragischer Abfall des Menschen von Gott verstanden, sondern als blosse Entwicklungsstufe der Natur.
  • Das Kreuz wird redundant: Erlösung ist nicht mehr der stellvertretende Opfertod Christi zur Sühne der Sünde, sondern ein immanenter Bewusstwerdungsprozess der Schöpfung. Die Gnade wird durch eine biologisch-technologische Reifung der Materie ersetzt.

Kommentar: Wer hält Kardinal Fernández noch auf?

Was der Vatikan unter Kardinal Víctor Manuel Fernández hier als fortschrittliche „Integrale Ökologie“ und „Trinitarische Kosmologie“ verkauft, ist in Wahrheit ein intellektueller Offenbarungseid. Es ist der Versuch, eine erodierende kirchliche Autorität durch die Anbiederung an zeitgeistige Umweltideologien zu retten – selbst wenn dafür der Schöpfergott selbst geopfert werden muss.

Wenn die Internationale Theologische Kommission den Panentheismus rehabilitiert, tut sie das nicht aus theologischer Tiefe, sondern aus dogmatischer Demenz. Sie ignoriert bewusst die unfehlbaren Lehrentscheidungen des IV. Laterankonzils, von Florenz und des Ersten Vatikanums. Wer die messerscharfe Trennung zwischen dem unendlichen Erschaffer und seiner endlichen Schöpfung aufweicht, betreibt keinen Dialog mit der Moderne, sondern Kapitulation. Man ersetzt das schwere Mysterium des Kreuzes durch eine wohlfeile Naturromantik.

Der Panentheismus ist der feine Anzug des Pantheismus: Er schmiert etwas pseudotranszendenten Vokabelbalsam über die Materie, um nicht wie ein stumpfer Materialismus zu wirken. Doch das Resultat bleibt dasselbe. Wenn der Kosmos göttlich ist, braucht der Mensch keinen Erlöser mehr – er braucht nur noch einen Wertstoffhof und einen Solarpark.

Doch die entscheidende Frage lautet: Wer hält Kardinal Fernández noch auf?

In der aktuellen Kirchenstruktur scheint die Bremsmechanik vollkommen versagt zu haben. Normalerweise war das Glaubensdoktrin-Amt (die frühere Glaubenskongregation) die Hüterin der Orthodoxie, die Bischöfe und Theologen zur Ordnung rief, wenn sie dogmatische Irrwege betraten. Heute unter Fernández ist der Brandstifter selbst zum Chef der Feuerwehr geworden. Der Präfekt tut genau das, was er eigentlich verhindern müsste: Er segnet die Verwirrung ab und giesst theologisches Öl ins Feuer.

Ein Papst, der ihn gewähren lässt oder gar ermutigt, fällt als Korrektiv aus. Die Bischöfe schweigen grösstblank aus Furcht vor Isolation oder aus eigener theologischer Ahnungslosigkeit. So bleibt die Verteidigung des Dogmas von Lateran IV und Vatikan I heute fast ausschliesslich an einer Handvoll mutiger Initiativen, traditionsbewusster Publizisten und verbliebener Gelehrter hängen. Wenn das Lehramt selbst die eigenen Axtschläge gegen das Fundament der Offenbarung führt, befindet sich die Kirche nicht mehr in einer Krise der Pastoral, sondern im Zustand des offenen, systemischen Abfalls vom eigenen Glauben. Wer Gott im Geschöpf auflöst, entmächtigt nicht nur den Schöpfer – er beraubt den Menschen jeglicher echten Hoffnung auf eine Erlösung, die von ausserhalb dieser verwundeten Welt kommt.

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Von admin