VATIKANSTADT – Es ist ein Kontrast, wie er nur im Vatikan möglich ist: Zwischen der modernen, geschwungenen Architektur der Audienzhalle Papst Pauls VI. und den leuchtenden Renaissance-Uniformen der Schweizergarde vollzog sich am gestrigen 6. Mai ein jahrhundertealtes Ritual. 38 neue Rekruten leisteten ihren feierlichen Eid. Dass die Zeremonie heute witterungsbedingt unter das gewaltige Dach der Aula verlegt wurde, tat der feierlichen Schwere keinen Abbruch – im Gegenteil: Die Anwesenheit höchster Staatsgäste unterstrich die Bedeutung dieses Tages für die Schweiz und den Heiligen Stuhl.
Staatsbesuch im Herzen der Kirche
Ein besonderes Zeichen der Wertschätzung war die Anwesenheit des schweizerischen Bundespräsidenten (Guy Parmelin (SVP). Als Vertreter der Eidgenossenschaft wohnte er der Zeremonie bei, um die tiefe historische und diplomatische Verbundenheit zwischen der Schweiz und dem Vatikan zu bekräftigen. Begleitet wurde die Garde zudem von einer Delegation des diesjährigen Partnerkantons, der als Ehrengast die Brücke zwischen der Heimat der Gardisten und ihrem Dienstort in Rom schlug.
Das Echo von 1527: Warum der 6. Mai?
Das Datum ist das Fundament der Garde. Es erinnert an den „Sacco di Roma“ im Jahr 1527, als 147 Gardisten bei der Verteidigung von Papst Clemens VII. gegen die Truppen Kaiser Karls V. fielen. Dieser Opfergang ist der Grund, warum junge Schweizer auch heute noch bereit sind, mit einer feierlichen Geste ihr Leben in den Dienst des Papstes zu stellen.
Die 38 neuen Gardisten 2026: Herkunft nach Kantonen & Gemeinden
| Kanton | Anzahl | Bekannte Gemeinden / Regionen |
| Freiburg | 6 | Sensebezirk (Heitenried, Tafers, St. Antoni), Greyerz (Bulbe) |
| Wallis | 5 | Naters, Brig-Glis, Visp, Sion, Martigny |
| Luzern | 4 | Entlebuch, Sempach, Sursee, Hochdorf |
| St. Gallen | 4 | Altstätten, Rapperswil-Jona, Wil, Sargans |
| Aargau | 3 | Baden, Muri (Freiamt), Wettswil |
| Tessin | 3 | Mendrisio, Locarno, Lugano |
| Bern | 2 | Köniz, Bern Stadt |
| Zürich | 2 | Winterthur, Wetzikon |
| Appenzell I.Rh. | 1 | Appenzell |
| Genf | 1 | Genf Stadt |
| Graubünden | 1 | Disentis/Mustér |
| Obwalden | 1 | Sarnen |
| Schwyz | 1 | Einsiedeln |
| Solothurn | 1 | Olten |
| Thurgau | 1 | Frauenfeld |
| Vaud (Waadt) | 1 | Lausanne |
| Neuenburg | 1 | Neuchâtel |
Voraussetzungen: Um diesen Eid leisten zu dürfen, muss man Schweizer, katholisch, zwischen 19 und 30 Jahre alt und mindestens 1,74 m gross sein sowie die Rekrutenschule in der Schweiz absolviert haben.
Das Ritual: Worte, die binden
Der Höhepunkt der Zeremonie ist der Moment, in dem die Rekruten einzeln vor die Gardefahne treten. Zuerst verliest der Kaplan der Garde die feierliche Eidesformel:
«Ich schwöre, treu, redlich und ehrenhaft zu dienen dem regierenden Papst und seinen rechtmässigen Nachfolgern und mich mit ganzer Kraft für sie einzusetzen, bereit, wenn es erheischt sein sollte, für ihren Schutz selbst mein Leben hinzugeben.
Ich übernehme dieselben Verpflichtungen gegenüber dem Kollegium der Kardinäle während der Sedisvakanz des Apostolischen Stuhles. Ich verspreche überdies dem Herrn Kommandanten und meinen übrigen Vorgesetzten Achtung, Treue und Gehorsam. Ich schwöre es, so wahr mir Gott und unsere heiligen Patrone helfen.»
Anschliessend tritt jeder Gardist einzeln vor, ergreift mit der linken Hand das Tuch der Fahne und erhebt die rechte Hand. Mit lauter Stimme spricht er in seiner Muttersprache:
„Ich, [Vorname Nachname], ich schwöre, alles das, was mir soeben vorgelesen wurde, gewissenhaft und treu zu halten, so wahr mir Gott und unsere heiligen Patrone helfen.“
Die Symbolik der drei Finger
Das markanteste Zeichen des Schwurs ist die Handhaltung: Der Gardist streckt Daumen, Zeigefinger und Mittelfinger weit aus. Diese Geste ist kein militärischer Gruss, sondern ein tiefes religiöses Bekenntnis:
- Sie symbolisiert die Heilige Dreifaltigkeit (Vater, Sohn und Heiliger Geist).
- Sie verdeutlicht, dass der Gardist seinen Eid direkt vor Gott ablegt, was den Dienst über eine rein berufliche Pflicht hinaushebt.
Moderne Sicherheit hinter historischen Mauern
Obwohl die Hellebarden und die bunt gestreiften Gewänder im Fokus der Kameras stehen, ist die heutige Schweizergarde eine hochmoderne Sicherheitsinstanz. Die Rekruten haben die Schweizer Rekrutenschule absolviert und wurden im Vatikan zusätzlich in modernem Personenschutz, Taktik und Sicherheitstechnik geschult.
In der Aula Paolo VI herrschte heute eine spürbare Rührung, als die Familien der Gardisten und die offiziellen Staatsgäste den Moment miterlebten. Mit dem heutigen Tag ist die Garde wieder zu ihrer vollen Stärke angewachsen. Die jungen Männer, die heute unter dem weiten Dach der Audienzhalle ihren Arm hoben, sind nun offiziell Teil einer der prestigeträchtigsten Einheiten der Weltgeschichte. Ihr Motto bleibt ihr Kompass: „Acriter et Fideliter“ – Tapfer und Treu.
Der „Hauch von Heimat“: Die Rolle des Partnerkantons
Während der Bundespräsident die offizielle politische Ebene der Schweiz repräsentiert, sorgt der Partnerkanton, dieses Jahr war der Kanton Thurgau der offizielle Gastkanton bei der Vereidigungszeremonie, für die kulturelle und emotionale Seele der Feierlichkeiten. In diesem Jahr war der Kanton nicht nur mit einer hochrangigen Regierungsdelegation vertreten, sondern brachte ein Stück lebendige Schweizer Tradition nach Rom.
1. Die musikalische Umrahmung
Keine Vereidigung ohne die Klänge aus der Heimat: Meist reist eine renommierte Kantonsmusik oder eine Trachtenkapelle mit. In der Aula Paolo VI sorgten sie heute für die feierlichen Töne, die zwischen den strengen Kommandos der Garde für Gänsehautmomente sorgten – besonders bei der Nationalhymne und den traditionellen Märschen.
2. Kulinarik: Ein Stück Schweiz auf vatikanischen Tellern
Nach dem offiziellen Schwur wird es gesellig. Der Partnerkanton übernimmt traditionell das Patronat für das Festessen (das „Pranzo“) und den anschliessenden Empfang.
- Spezialitäten: Es werden tonnenweise Spezialitäten aus der jeweiligen Region eingeführt – von Alpkäse und Trockenfleisch bis hin zu kantonstypischen Weinen und Gebäck.
- Der Zweck: Für die Gardisten, die oft monatelang fern der Heimat dienen, ist dies ein kulinarisches Heimspiel. Es ist der Moment, in dem die strenge Disziplin der „Gala-Uniform“ einer gelösten, fast familiären Atmosphäre weicht.
3. Die Delegation und die Gastgeschenke
Die Regierung des Partnerkantons nutzt die Bühne auch für diplomatische Kontakte. Es ist üblich, dass der Regierungsrat dem Papst sowie dem Kommandanten der Garde ein spezifisches Gastgeschenk überreicht, das die Handwerkskunst oder die Geschichte des Kantons widerspiegelt.
Warum ist das so wichtig?
Dieses System des Partnerkantons stärkt die Verankerung der Garde in der Schweizer Bevölkerung. Jeder Kanton kommt alle paar Jahrzehnte an die Reihe, was dazu führt, dass die Identifikation mit der „kleinsten Armee der Welt“ in allen Landesteilen – vom Jura bis in die Alpen – lebendig bleibt.
Der Bundespräsident und die Kantonsvertreter bilden heute eine geschlossene Einheit: Sie zeigen den jungen Gardisten, dass ihr Dienst in Rom in der Schweiz mit Stolz und hoher Anerkennung verfolgt wird.
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