In einer Zeit, die das menschliche Dasein zunehmend über Kategorien der Nützlichkeit, der Effizienz und der messbaren Funktionalität definiert, wirkt das Erbe des US-amerikanischen Erzbischofs Fulton J. Sheen wie eine kompromisslose Erschütterung des Zeitgeists. Sheen, der in den 1950er-Jahren als Pionier des religiösen Fernsehens Millionen Menschen faszinierte und das Medium Nuance und Geist lehrte, wird in der katholischen Kirche keineswegs nur als Rhetoriker der Extraklasse erinnert. Vielmehr zeichnet sich in der Rückschau ab, dass das Herzstück seines Wirkens eine radikale Anwaltschaft für das ungeborene und wehrlose Leben war – ein Anliegen, das nicht in politischer Agitation wurzelte, sondern in der tiefsten Mystik seines Priesterseins.
Die geistliche Architektur seines Lebens ruhte auf einem täglichen Versprechen, das er am Tag seiner Priesterweihe legte: der täglichen „Heiligstunde“ – einer ununterbrochenen Stunde des gebeteten Daseins vor dem eucharistischen Sakrament. Diese Heiligstunde war für Sheen keine weltabgewandte Frömmigkeitsübung, sondern der Ort, an dem er das Leid der Welt vor Gott trug. Aus diesem kontemplativen Zentrum heraus entwickelte er eine tiefe spirituelle Verbundenheit mit jenen, die in der Gesellschaft keine Stimme besitzen: den Ungeborenen im Mutterleib. Sheen ermutigte gläubige Menschen weltweit dazu, eine geistige Adoption ungeborener Kinder zu übernehmen – das Gebet für jene Embryonen und Föten, deren Leben bedroht oder ungewiss war. Für ihn war das ungeborene Kind die reinste Verkörperung des schutzlosen Menschen, an dem sich der sittliche Zustand einer Zivilisation bemisst.
Dass ausgerechnet das medizinisch unmöglich geheilte Überleben eines Neugeborenen, das bereits den klinischen Tod erlitten hatte, zum anerkannten Wunder für seine Seligsprechung werden sollte, erscheint vor diesem Hintergrund wie eine göttliche Signatur unter sein Lebenswerk. Es verknüpft seine spirituelle Theologie mit der greifbaren Realität eines geretteten Lebens.
1. Die Überführung der Gebeine nach Peoria, Illinois (nicht Wisconsin)
Erzbischof Fulton Sheen wurde im Juni 2019 nicht nach Wisconsin, sondern in den US-Bundesstaat Illinois überführt – genauer gesagt nach Peoria.
Sheen verstarb 1979 und lag knapp 40 Jahre lang in der Krypta der St. Patrick’s Cathedral in New York City begraben. Nach einem dreijährigen Rechtsstreit zwischen seiner Familie, dem Bistum Peoria (wo Sheen aufwuchs und zum Priester geweiht wurde) und der Erzdiözese New York stimmte das Gericht der Überführung zu. Am 27. Juni 2019 wurden seine Gebeine nach Peoria gebracht, wo sie heute in einem Marmormonument in der Cathedral of St. Mary of the Immaculate Conception ruhen.

Ankunft des Sargs in Peoria, Illinois. Quelle: The Dialog
2. Die Messe zur Seligsprechung
Die feierliche Beatifikationsmesse fand am 24. September 2026 unter grosser Anteilnahme im Dome at America’s Center (St. Louis) statt. Im Beisein von rund 70.000 Gläubigen verlas Kardinal Luis Antonio Tagle im Auftrag des Papstes das offizielle Dekret, womit der Erzbischof zum Seligen Fulton J. Sheen erhoben wurde. Ein berührender Moment der Liturgie war das Vortragen der Reliquie durch den inzwischen herangewachsenen James Fulton Engstrom – jenem Jungen, dessen wundersame Rettung nach 61 Minuten Herzstillstand die Seligsprechung ermöglicht hatte.

Seligsprechungsmesse im Dome at America’s Center. Quelle: AP News
Das Wunder von 61 Minuten: Eine Durchbrechung der Naturgesetze
Das für den Seligsprechungsprozess offiziell anerkannte Wunder ist kein vages Phänomen oder eine emotionale Zuschreibung, sondern ein historisch und medizinisch akribisch dokumentiertes Ereignis, das sich am 16. September 2010 in der Stadt Washington im US-Bundesstaat Illinois zutrug.
Die Katastrophe bei der Geburt
Bonnie Engstrom brachte ihren Sohn James Fulton Engstrom im Rahmen einer geplanten Hausgeburt zur Welt. Doch der Moment der Hoffnung verwandelte sich augenblicklich in eine Tragödie: Durch einen doppelten Knoten in der Nabelschnur war die Blutzufuhr und damit die Sauerstoffversorgung des Kindes über einen längeren Zeitraum hinweg vollständig unterbrochen worden. James wurde ohne wahrnehmbaren Herzschlag, ohne eigene Atembewegung und mit einer tiefen Zyanose – einer Blauverfärbung der Haut durch massiven Sauerstoffmangel – geboren.
Der vergebliche Kampf der Medizin
Die sofort herbeigerufenen Rettungskräfte brachten den Säugling unter fortlaufender Reanimation in das nächstgelegene Krankenhaus. Über einen Zeitraum von 61 Minuten versuchte ein Team von Notärzten und Pädiatern ununterbrochen, das Herz des Jungen wieder zum Schlagen zu bringen. Es wurden Adrenalin injections verabreicht, Herzdruckmassagen durchgeführt und künstliche Beatmung angewandt. Nach medizinischem Konsens führt ein Sauerstoffentzug dieser Dauer beim fötalen und neonatalen Gehirn zu unumkehrbarem Zellsterben. Nach Verstreichen einer Stunde bereiteten die behandelnden Ärzte die offizielle Todesfeststellung vor, da keinerlei elektrische oder mechanische Herzaktivität nachweisbar war.
Die Anrufung und das unerklärliche Ereignis
Während dieser verhängnisvollen 61 Minuten verharrten die Eltern des Kindes nicht in stummer Verzweiflung, sondern riefen im Gebet wiederholt und gezielt die Fürsprache von Erzbischof Fulton J. Sheen an. Sie baten den verstorbenen Bischof, bei Gott für das Leben ihres Sohnes einzutreten.
Gegen jede medizinische Wahrscheinlichkeit geschah in dem Moment, als die Mediziner die Reanimation einstellen wollten, das Unerklärliche: Ohne die Gabe weiterer Medikamente oder externer Impulse setzte der Herzschlag des Säuglings spontan wieder ein. Das Herz schlug nicht nur vorsichtig, sondern sprang sofort in einen stabilen, normalen Rhythmus um.
Das langfristige medizinische Phänomen
Die behandelnden Spezialisten gingen davon aus, dass das Kind – sollte es überhaupt die folgenden Stunden überleben – schwerste Hirnschäden erleiden würde, darunter spastische Lähmungen, Blindheit, Nierenversagen und kognitive Beeinträchtigungen. Doch die Nachuntersuchungen in den darauffolgenden Wochen, Monaten und Jahren widerlegten jede neurologische Prognose: Sämtliche Organe nahmen ihre volle Funktion auf, das Gehirn zeigte keinerlei Anzeichen von Nekrosen oder dauerhaften Schädigungen. James Fulton Engstrom entwickelte sich zu einem völlig gesunden, geistig und körperlich uneingeschränkt leistungsfähigen Knaben.
Der Kanonisationsprozess: Das kirchenrechtliche Verfahren zur Seligsprechung
Die katholische Kirche wendet bei der Beurteilung von Heiligkeitsansprüchen und Wundern ein Verfahren von außerordentlicher juristischer, wissenschaftlicher und theologischer Strenge an. Dieser Prozess ist im Kirchenrecht sowie in den Instruktionen der Vatikanischen Kongregation für die Selig- und Heiligsprechungsprozesse geregelt. Er gliedert sich in vier fundierte Phasen:
Phase 1: Die diözesane Untersuchung (Der Weg zum „Diener Gottes“)
- Initiale Eröffnung: Frühestens fünf Jahre nach dem Tod einer Person – um emotionale Übereilung zu vermeiden – kann der Bischof der Diözese, in der der Kandidat gestorben ist, das Verfahren eröffnen. Mit der offiziellen Annahme der Causa erhält der Verstorbene den Titel „Diener Gottes“ (Servus Dei).
- Beweiserhebung: Eine diözesane Untersuchungskommission vernimmt Zeugen unter Eid, sichtet Tagebücher, Briefe, Predigten sowie sämtliche verfasste Werke des Kandidaten. Es darf sich nichts finden lassen, was der katholischen Glaubens- und Sittenlehre widerspricht. Zudem muss nachgewiesen werden, dass im Volk Gottes ein echter Ruf der Heiligkeit (Fama sanctitatis) existiert.
Phase 2: Die römische Phase (Der Weg zum „Ehrwürdigen Diener Gottes“)
- Übergabe nach Rom: Die Akten des Diözesanprozesses werden versiegelt an das Dicasterium für die Selig- und Heiligsprechungsprozesse im Vatikan übergeben.
- Die Erstellung der Positio: Ein ernannter Berichterstatter (Relator) verfasst zusammen mit dem Postulator der Causa die sogenannte Positio – ein umfassendes Dokument, das die Tugendhaftigkeit und das Leben des Dieners Gottes darlegt.
- Prüfung der Heroischen Tugend: Historiker und Theologen prüfen, ob der Kandidat die göttlichen Tugenden (Glaube, Hoffnung, Liebe) sowie die Kardinaltugenden (Klugheit, Gerechtigkeit, Tapferkeit, Mässigung) in einem „heroischen Grad“ geübt hat. Bestätigt der Papst dies per Dekret, wird der Kandidat als „Ehrwürdiger Diener Gottes“ (Venerabilis) bezeichnet.
Phase 3: Die Prüfung des Wunders (Super Miraculo)
Für eine Seligsprechung (sofern es sich nicht um einen Märtyrer handelt) ist der Nachweis eines Wunders erforderlich, das sich nach dem Tod des Kandidaten und durch dessen ausschliessliche Fürsprache ereignet hat.
- Die Medizinische Kommission (Consulta Medica): Das Herzstück der Prüfung bildet ein Gremium aus fünf bis sieben unabhängigen Ärzten und Wissenschaftlern – darunter häufig Nicht-Gläubige oder Angehörige anderer Religionen. Sie untersuchen den Fall anhand strengster wissenschaftlicher Kriterien:
- Diagnose: War die Erkrankung oder der Zustand exakt und zweifelsfrei nachgewiesen?
- Prognose: War die Ausheilung nach dem Stand der Medizin unmöglich oder die Heilungschance extrem gering?
- Spontanität: Erfolgte die Genesung plötzlich, augenblicklich und ohne adäquate therapeutische Erklärung?
- Nachhaltigkeit: Ist die Heilung dauerhaft und vollständig? Erst wenn die Ärzte einstimmig erklären, dass das Ereignis mit den bekannten Naturgesetzen wissenschaftlich nicht erklärbar ist, geht der Fall weiter.
- Die Theologenkommission: Theologen prüfen anschliessend die kausale Kette des Gebets: Wurde ausschliesslich oder eindeutig der betreffende Ehrwürdige Diener Gottes angerufen? Damit soll ausgeschlossen werden, dass die Gebetsanrufung diffus war oder mehreren Heiligen gleichzeitig zugeschrieben werden müsste.
Phase 4: Die päpstliche Entscheidung und der Festakt
- Kardinallsitzung und Dekret: Die Kardinäle und Bischöfe der Kongregation beraten über die Ergebnisse der medizinischen und theologischen Gutachten und legen ihr Votum dem Papst vor.
- Das Dekret des Papstes: Der Papst besitzt die alleinige Entscheidungsgewalt. Billigt er das Gutachten, unterzeichnet er das Dekret über die Anerkennung des Wunders.
- Die Seligsprechung (Beatifikationsmesse): In einem feierlichen Gottesdienst wird der Ehrwürdige offiziell zum „Seligen“ erklärt. Damit wird die liturgische Verehrung des Seligen im lokalen Rahmen (in seiner Heimatdiözese oder in bestimmten Ordensgemeinschaften) gestattet.
(Soll der Selige später heiliggesprochen werden, um weltweit verehrt zu werden, ist ein weiteres, zweites Wunder erforderlich, das sich nach dem Zeitpunkt der Seligsprechung ereignet haben muss und denselben Prüfungszyklus durchläuft).
novaradio.ch
