Die Karfreitagsfürbitte für die Juden ist weit mehr als ein blosses Element der Liturgie; sie ist ein theologisches Brennglas, in dem sich die wechselvolle, oft schmerzhafte und heute tiefgreifend verwandelte Beziehung zwischen dem Christentum und dem Judentum spiegelt. In ihrer Geschichte bündeln sich die dramatischen Erkenntnisprozesse der Kirche nach der Schoa und die dogmatische Neubesinnung auf die jüdischen Wurzeln des Heils.

1. Kirchenhistorischer Kontext: Von der Ausgrenzung zur Umkehr

Die Geschichte dieser Fürbitte ist eine Geschichte der Transformation von einer „Theologie der Verwerfung“ hin zu einer „Theologie der Verbundenheit“.

  • Das Erbe des Mittelalters: In der tridentinischen Liturgie (festgeschrieben 1570) wurde für die „perfidis Judaeis“ gebetet. Während das lateinische perfidia ursprünglich „Unglaube“ im Sinne eines Nicht-Teilens des Christusglaubens bedeutete, wurde es im Volksbewusstsein als „hinterlistig“ missverstanden und befeuerte jahrhundertelang antijudaistische Vorurteile.
  • Symbolische Herabsetzung: Bis 1955 war es üblich, bei dieser Fürbitte – im Gegensatz zu allen anderen – nicht niederzuknien. Dieses demonstrative Unterlassen sollte die (historisch falsche) Verhöhnung Jesu durch die Juden während der Passion nachahmen. Papst Pius XII. beendete diese Praxis 1955 und ordnete das Knien auch hier an.
  • Die Zäsur durch Nostra Aetate: Das Zweite Vatikanische Konzil (1962–1965) markierte den radikalsten Bruch mit der Vergangenheit. Die Erklärung Nostra Aetate hielt fest, dass die Juden „nach dem Zeugnis der Schrift weiterhin von Gott geliebt“ sind, da seine Gnadengaben und seine Berufung unwiderruflich sind.

2. Dogmatische Fundierung: Der „nie gekündigte Bund“

Die heutige theologische Basis der Fürbitte ruht auf der Erkenntnis, dass Gott seinen Bund mit Israel niemals widerrufen hat (vgl. Römer 11).

  • Absage an die Substitution: Die moderne katholische Dogmatik lehnt die Vorstellung ab, dass die Kirche Israel als Volk Gottes einfach „ersetzt“ habe. Stattdessen wird Israel als die „gute Wurzel“ begriffen, in die die Heidenchristen eingepfropft sind.
  • Das Geheimnis des Eigenwegs: Die Fürbitte verzichtet in ihrer ordentlichen Form konsequent auf die Bitte um eine direkte Konversion (Judenmission). Sie erkennt an, dass das Judentum einen eigenen, gottgewollten Weg zum Heil geht, dessen endgültige Vereinigung am Ende der Zeiten ein Geheimnis Gottes bleibt.

3. Die liturgische Praxis: Die heutige Fürbitte

Die folgende Fassung (nach Paul VI., 1970) ist heute weltweit der Standard in der ordentlichen Liturgie. Sie atmet den Geist der Versöhnung:

Vorsänger/Priester: Lasset uns auch beten für die Juden, zu denen Gott, unser Herr, zuerst gesprochen hat: Er bewahre sie in der Treue zu seinem Bund und in der Liebe zu seinem Namen, damit sie das Ziel erreichen, zu dem sein Ratschluss sie führen will.

(Beugen wir die Knie. – Erheben wir uns.)

Gebet: Allmächtiger, ewiger Gott, du hast Abraham und seinen Nachkommen deine Verheissung gegeben. Erhöre das Gebet deiner Kirche für das Volk, das du als erstes zu deinem Eigentum erwählt hast: Gib, dass es zur Fülle der Erlösung gelangt. Durch Christus, unseren Herrn. Amen.


4. Die Rezeption im jüdisch-christlichen Dialog

Die Reaktionen auf die liturgischen Entwicklungen zeigen, wie sensibel das Verhältnis der beiden Glaubensgemeinschaften bleibt.

Die „Kopernikanische Wende“ der 1970er Fassung

In jüdischen Dialogkreisen wurde die Reform von 1970 überwiegend als historischer Durchbruch gefeiert. Dass die Kirche nun für die Treue der Juden zu ihrem eigenen Bund betet, statt für deren Aufgabe, wurde als echte Anerkennung des Judentums als lebendige Religion wahrgenommen. Es war das Ende der jahrhundertelangen „Missionierung unter dem Kreuz“.

Die Kontroverse um die Fassung von 2008 (Benedikt XVI.)

Als Papst Benedikt XVI. im Jahr 2008 eine neue Fassung für die ausserordentliche Form des Ritus (die „Alte Messe“) formulierte, die um die Erleuchtung der Juden bat, damit sie „Jesus Christus erkennen“, löste dies scharfe Proteste aus.

  • Kritik von jüdischer Seite: Der Zentralrat der Juden in Deutschland und internationale Rabbinerkonferenzen äußerten „tiefe Befremdung“. Man sah darin einen Rückfall in den Geist der Judenmission und eine Infragestellung des Dialogs auf Augenhöhe.
  • Christliche Einordnung: Die Kirche betonte daraufhin, dass dieses Gebet keine aktive Missionierung fordere, sondern die christozentrische Hoffnung ausdrücke, dass am Ende der Zeiten die gesamte Menschheit in Christus eins werde. Dennoch bleibt diese Fassung ein ökumenischer und interreligiöser Reibungspunkt.

5. Fazit: Die Fürbitte als Akt der Demut

Zusammenfassend lässt sich sagen: Die Karfreitagsfürbitte hat sich von einer Verurteilung zu einem Akt der demütigen Verbundenheit gewandelt.

  • „Zuerst gesprochen“: Dieser Passus ist eine Absage an die Überheblichkeit; er betont die Priorität Israels.
  • „Fülle der Erlösung“: Dieser Begriff bleibt bewusst offen. Er weist auf das Ende der Zeit hin, an dem Gott alle Wege zusammenführt.

Die Kirche betet am Karfreitag heute nicht mehr „über“ oder „gegen“ die Juden, sondern steht als „Miteingeladene“ am Tisch Gottes an der Seite ihrer „älteren Brüder und Schwestern“.

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