Die Fastenzeit, im Lateinischen Quadragesima (die Vierzig Tage) genannt, ist weit mehr als eine blosse Verzichtsübung. Sie ist eine sakrale Zeitreise, die den Menschen aus der Zerstreuung der Welt in die Konzentration auf das Heilsgeschehen führt. Doch wo dieser Weg genau endet, ist eine Frage der liturgischen Akzentuierung und der theologischen Hermeneutik.


I. Das biblische Fundament: Die Typologie der Vierzig

Bevor wir die Unterschiede der Riten betrachten, müssen wir die biblische Wurzel verstehen. Die Zahl 40 ist in der Schrift das Siegel der göttlichen Vorbereitung.

  • Die Läuterung: Noah wartet 40 Tage auf das Ende der Sintflut (Gen 7,4) – eine Vorfigur der Taufe.
  • Die Gesetzgebung: Mose verweilt 40 Tage in der Wolke auf dem Sinai (Ex 24,18), um das Wort Gottes zu empfangen.
  • Die Prüfung: Das Volk Israel wandert 40 Jahre durch die Wüste (Dtn 8,2). Hier wird das Herz des Volkes geprüft: Verlässt es sich auf Gott oder auf die Fleischtöpfe Ägyptens?
  • Die Umkehr: Jona predigt Ninive eine Frist von 40 Tagen zur Busse (Jona 3,4).
  • Der Sieg Christi: Jesus selbst heiligt diese Zahl durch sein Fasten in der Wüste (Mt 4,1-11). Er ist der „neue Israel“, der dort siegt, wo das alte Volk versagte.

Theologische Konsequenz: Biblisch gesehen endet die Zeit der 40 Tage nicht einfach mit einem Datum, sondern mit dem Eintritt in die Verheissung. Die Fastenzeit ist der „Exodus“ der Seele, der auf das „gelobte Land“ der Auferstehung zusteuert.


II. Die „Alte Messe“ (Vetus Ordo): Der asketische Aufstieg

In der ausserordentlichen Form des Römischen Ritus (Missale von 1962) ist die Fastenzeit als ein organischer, steiler Aufstieg zum Kalvarienberg konzipiert.

  • Struktur und Ende: Die Quadragesima beginnt am Aschermittwoch und umfasst die gesamte Karwoche. Sie endet liturgisch erst in der Osternacht (Vigil). Das Fasten findet seinen Höhepunkt in den Tenebrae-Metten und der Grabesruhe des Karsamstags. Erst mit dem feierlichen Gloria der Osternacht, wenn die Orgel nach tagelangem Schweigen wieder jubelt und die Glocken läuten, fällt die Busszeit schlagartig ab.
  • Theologische Sicht: Hier dominiert der Gedanke der Mitleidenschaft. Der Gläubige bleibt „bei Christus“ in seinem Leiden. Die Karwoche wird nicht als eigene Zeit gesehen, sondern als der tiefste, dunkelste Abschnitt der Fastenzeit. Die Verhüllung der Kreuze ab dem Passionssonntag (zwei Wochen vor Ostern) unterstreicht diesen Weg in die Verborgenheit und Trauer.
  • Biblischer Bezug: Es ist das Warten der Jünger am Grab. Die Fastenzeit endet, wenn der Stein rollt.

III. Der „Novus Ordo“ (Ordentliche Form): Das Pascha-Mysterium

Die Liturgiereform nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil hat die Zeitstruktur neu geordnet, um ein zentrales theologisches Konzept hervorzuheben: das Triduum Sacrum.

  • Struktur und Ende: Hier endet die Fastenzeit offiziell am Gründonnerstag mit der Non (dem Nachmittagsgebet) bzw. unmittelbar vor der Messe vom Letzten Abendmahl.
  • Theologische Sicht: Das Ziel war es, das Leiden, Sterben und Auferstehen Christi als eine einzige, unteilbare Feier (das Pascha-Mysterium) darzustellen. Das Triduum (Gründonnerstagabend bis Ostersonntagabend) wird somit aus der Fastenzeit herausgehoben. Es ist keine Vorbereitung mehr, sondern die Feier des Ereignisses selbst. Die Fastenzeit ist die „Rampe“, das Triduum ist der „Flug“.
  • Biblischer Bezug: Der Übergang vom Fasten zur Feier geschieht im Abendmahlssaal. „Ich habe mich sehnsüchtig danach gesehnt, dieses Paschamahl mit euch zu essen“ (Lk 22,15). Mit der Einsetzung der Eucharistie beginnt bereits die neue Zeitrechnung der Gnade.

IV. Vertiefter Vergleich der Perspektiven

PerspektiveVetus Ordo (Alte Messe)Novus Ordo (Neue Messe)
Liturgisches EndeOstervigil (Gloria)Gründonnerstagabend
FokusAsketische Kontinuität: Der Mensch begleitet den leidenden Herrn bis zum Grab.Heilsgeschichtliche Zäsur: Die Busse weicht der sakramentalen Vergegenwärtigung des Opfers.
SymbolikDie Dunkelheit der Karwoche ist Teil der Reinigung.Das Triduum ist der „glanzvolle Höhepunkt“, keine Busszeit mehr.
Biblisches BildDas Ausharren unter dem Kreuz (Stabat Mater).Der Durchgang (Pascha) vom Tod zum Leben.

V. Die biblisch-theologische Synthese

Trotz der unterschiedlichen zeitlichen Einteilung verfolgen beide Riten dasselbe Ziel, das uns die Bibel vorgibt: die Metanoia (Umkehr des Herzens).

  1. Das Ende als Erfüllung: Biblisch gesehen endet das Fasten, wenn der „Bräutigam“ wieder da ist (Mt 9,15). In der Alten Messe ist dies der Moment der Auferstehung in der Vigil. Im Novus Ordo beginnt diese Gegenwart bereits sakramental im Abendmahl am Gründonnerstag.
  2. Vom Gesetz zur Gnade: Die Fastenzeit ist die Zeit des „Gesetzes“ (Selbstbeherrschung, Askese, Reue). Ihr Ende markiert den Einbruch der „Gnade“. Ob dieser Einbruch liturgisch am Donnerstag oder Samstagabend markiert wird, ändert nichts an der theologischen Wahrheit: Wir können uns das Heil nicht durch 40 Tage Fasten „erkaufen“; wir werden durch das Pascha-Opfer Christi gerettet.

Fazit: Wer die Alte Messe feiert, erlebt das Ende der Fastenzeit als einen dramatischen Sieg des Lichtes über eine lange Nacht.

Wer den Novus Ordo feiert, erlebt es als einen würdevollen Eintritt in die heiligsten drei Tage der Menschheitsgeschichte.

Beide Sichtweisen sind im biblischen Zeugnis verwurzelt: Die eine betont den Weg durch die Wüste bis zum Jordan, die andere betont, dass mit dem letzten Abendmahl die Stunde Christi bereits gekommen ist.

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