Ein Leitartikel von novaradio.ch

Die Glaubenslehre der katholischen Kirche erlebt einen ihrer tiefsten mariologischen Konflikte der Gegenwart. Im Zentrum steht ein einziges lateinisches Wort, das seit Jahrhunderten für emotionale Debatten und fundierte theologische Grundsatzfragen sorgt: Coredemptrix – Miterlöserin. Darf die Gottesmutter Maria so genannt werden, oder verletzt dieser Titel die Alleingültigkeit des Erlöserwerkes Jesu Christi?

Der Paukenschlag in Haarlem: Kardinal Burke verteidigt die Tradition

Am 6. September 2026 trat Kardinal Raymond Burke in der Kathedrale St. Bavo im niederländischen Haarlem vor die Gläubigen und bezog klar Stellung. In einer Zeit, in der das vatikanische Lehramt versucht, den Begriff aus dem offiziellen Sprachgebrauch zu verdrängen, verteidigte Burke die Bezeichnung Mariens als Miterlöserin mit Nachdruck.

Burke wies den Vorwurf zurück, der Titel würde Maria auf eine Stufe mit Gott stellen. Er erinnerte an die grammatikalische und theologische Bedeutung der lateinischen Vorsilbe co- (abgeleitet von cum, „mit“). Diese drücke keineswegs eine Gleichrangigkeit aus, sondern eine vollkommen untergeordnete, abhängige und von den Verdiensten Christi abgeleitete Teilnahme. Das Kreuzesopfer Christi sei in sich absolut vollkommen und bedürfe keiner Vervollständigung. Doch so wie jeder getaufte Mensch berufen sei, am Reich Gottes mitzuwirken, habe Maria durch ihr freies Fiat bei der Verkündigung und ihr Ausharren unter dem Kreuz in einzigartiger Weise am Heilswerk mitgewirkt.

Die klare Absage aus Rom: Papst Franziskus und Kardinal Fernández

Dieser Sichtweise steht die Linie des vatikanischen Lehramtes gegenüber. Der verstorbene Papst Franziskus hat sich während seines Pontifikats mehrfach in aller Schärfe gegen die Bezeichnung ausgesprochen. Seine Begründung war eindeutig: Christus ist der einzige Erlöser, und dieser Titel lässt sich nicht verdoppeln. Maria sei die erste Jüngerin, die Mutter der Kirche und die erste der Erlösten – sie nehme das Heil an, füge ihm aber substanziell nichts hinzu.

Unter der Leitung von Präfekt Kardinal Víctor Manuel Fernández veröffentlichte das Dikasterium für die Glaubenslehre schliesslich eine offizielle Lehramtsnote. Darin wurde verbindlich festgehalten, dass der Begriff Miterlöserin für den amtlichen kirchlichen Gebrauch, die Liturgie und offizielle Dokumente unangebracht ist. Fernández stellte zwar klar, dass man damit nicht historische Äusserungen von Heiligen oder früheren Päpsten rückwirkend verurteilen wolle, für die Gegenwart müsse jedoch jede sprachliche Unklarheit vermieden werden.

Der historische Blick: Papst Pius XI. im L’Osservatore Romano

Befürworter des Titels wie Kardinal Burke berufen sich häufig auf Papst Pius XI. Dieser hatte im April 1935 zum Abschluss des Jubiläumsjahres der Erlösung eine gebetsoffene Radioansprache gehalten, die unmittelbar darauf am 29. April 1935 in der offiziellen Vatikan-Zeitung L’Osservatore Romano abgedruckt wurde.

Pius XI. rief Maria darin explizit als Miterlöserin an und hob ihre innige Schmerzens- und Leidensgemeinschaft mit ihrem Sohn auf Golgatha hervor. In der damaligen Theologie wurde der Begriff verwendet, um die Gottesmutter als die hervorragende Gefährtin (associata) des Erlösers zu würdigen, deren Mitwirken vollkommen in den Verdiensten Christi wurzelt.

Ausführliche Analyse: Die biblische, dogmatische und theologische Fundierung

Um die Tiefe und Tragweite dieses Konflikts zu erfassen, ist eine differenzierte Auseinandersetzung mit den drei Grundsäulen der katholischen Lehre unerlässlich:

1. Die biblische Fundierung

  • Die Alleingültigkeit Christi: Das Neue Testament betont ausnahmslos die absolute Einzigartigkeit Jesu Christi für das Heil der Menschheit. Im Ersten Brief an Timotheus heisst es unverrückbar: „Denn einer ist Gott, einer auch Mittler zwischen Gott und den Menschen: der Mensch Christus Jesus“ (1 Tim 2,5). Heil gibt es aus biblischer Sicht allein durch sein einmaliges und hinreichendes Opfer am Kreuz.
  • Das Ja-Wort und die Mitleidensgemeinschaft: Befürworter des Titels verweisen auf das Lukasevangelium, wo Maria durch ihr freies Einverständnis („Mir geschehe nach deinem Wort“, Lk 1,38) die Menschwerdung des Erlösers überhaupt erst ermöglichte. Das Johannesevangelium stellt sie unter das Kreuz (Joh 19,25). Darin wird eine aktive Hingabe gesehen, mit der Maria den Schmerz der Welt mitgetragen hat. Das heutige Lehramt hält dagegen, dass Maria unter dem Kreuz stellvertretend für die gesamte Menschheit das Heil empfängt, nicht selbst wirkt.

2. Dogmatische Differenzierung und Gnadenlehre

  • Primäre Erlösungsbedürftigkeit Mariens: Mariologisch ist verankert, dass Maria selbst eine Erlöste ist. Das Dogma ihrer Unbefleckten Empfängnis (1854) besagt, dass sie im Hinblick auf die künftigen Verdienste Christi im Voraus vor der Erbsünde bewahrt wurde. Da sie ihre Gnade und Makellosigkeit vollkommen der Erlösung durch ihren Sohn verdankt, kann sie ontologisch (wesensmässig) nicht im gleichen Sinne Erlöserin sein wie Christus. Sie ist die Prima Redempta – die erst- und vollkommenst Erlöste.
  • Das Prinzip der Co-operatio (Synergismus): Auf der anderen Seite lehrt die katholische Dogmatik im Gegensatz zur protestantischen Transformationslehre, dass Gott den Menschen nicht als reines, passives Objekt rettet. Durch die rechtfertigende Gnade wird der Mensch befähigt, freiwillig an seinem eigenen Heil und dem Heil anderer mitzuwirken (co-operatio). Wenn Gläubige durch Gebet, Leid und Aufopferung echte Heilsmitarbeiter sein können, so gilt dies in der katholischen Gnadenlehre in analoger, aber unvergleichlich höherer Weise für Maria als Urbild und Vollendung der Kirche.

3. Systematic-theologische Deutung der Konfliktlinien

Der Streit offenbart zwei grundlegende Denkmodelle innerhalb der Mariologie:

PerspektiveBefürworter (Coredemptrix)Vatikanisches Lehramt
HauptanliegenWürdigung der einzigartigen Schmerzens- und Leidensgemeinschaft Mariens mit Christus.Schutz der christozentrischen Klarheit und der absoluten Einzigartigkeit Christi.
SprachverständnisCo- bedeutet klassisch-lateinisch strictly „untergeordnet mitwirkend“.Co- wird im modernen Sprachgebrauch leicht als „gleichberechtigt“ oder „zweite Erlöserin“ missverstanden.
GnadenlogikMaximale Entfaltung der von Gott geschenkten menschlichen Mitwirkungsfreiheit.Konzentration auf die absolute Genügsamkeit und Fülle des Kreuzesopfers.
Ökumenische WirkungVertiefung der Spezifik katholischer Frömmigkeits- und Dogmentradition.Rücksicht auf den Dialog mit den reformatorischen Kirchen (Solus Christus).

Kritischer Kommentar: Zwischen pastoraler Klugheit und theologischem Sprachverlust

Die Entscheidung von Papst Franziskus und Kardinal Víctor Manuel Fernández, den Begriff Miterlöserin aus der offiziellen Kirchsprache zu verbannen, folgt einer nachvollziehbaren pastoralen Logik. In einer säkularisierten Welt, in der selbst Grundbegriffe des Glaubens kaum noch verstanden werden, birgt der Begriff ein erhebliches Risiko für Missverständnisse. Ausserhalb der lateinischen Fachtheologie klingt „Miterlöserin“ im modernen Sprachgebrauch schnell nach einer unzulässigen Erhebung Mariens auf eine göttliche Stufe. Auch im ökumenischen Dialog schützt der Verzicht auf das Wort die zentrale Botschaft, dass das Heil allein von Gott geschenkt wird.

Dennoch zeigt die Position des Vatikans eine bedenkliche Schwachstelle: Sie wählt den Weg des Streichens anstelle des Erklärens. Wenn eine Bezeichnung, die von Päpsten wie Pius XI., von Heiligen und in der Gebetspraxis über Jahrhunderte hinweg im Sinne einer demütigen Mitwirkung genutzt wurde, pauschal als „unangebracht“ deklariert wird, entsteht ein Bruch in der organischen Tradition. Kardinal Burke erinnert am 6. September 2026 zu Recht daran, dass die katholische Theologie den Menschen niemals nur als passiven Empfänger sieht, sondern ihn zur aktiven Mitarbeit an Gottes Gnade aufruft.

Indem das Glaubensdikasterium den Begriff aus Sorge vor Erklärungsbedarf tilgt, betreibt es eine sprachliche Verflachung. Anstatt den Gläubigen durch profunde Katechese die tiefe Geheimnisdimension von Mariens Mitleiden unter dem Kreuz zu erschliessen, wird ein geschichtsträchtiger Begriff schlicht ausgeblendet. Dies schwächt das Verständnis für die mystische Tiefe des Erlösungsgeschehens und vertieft die Gräben zu jenen Gläubigen, die darin eine unnötige Entwertung einer tief verwurzelten marianischen Frömmigkeit sehen.

Sind wir zur Ökumenischen Rücksichtnahme verpflichtet?

Der Hinweis auf den ökumenischen Dialog ist eines der Hauptargumente des vatikanischen Lehramtes. Doch die Frage, ob die katholische Kirche bei dogmatischen und mariologischen Begriffen Rücksicht auf die protestantischen Kirchen nehmen muss, berührt das Selbstverständnis des katholischen Glaubens im Kern.

Nein, die katholische Kirche ist theologisch nicht verpflichtet, bei der Formulierung ihrer Mariologie Rücksicht auf die Erwartungen der protestantischen Kirchen zu nehmen.

Wenn Rücksichtnahme bedeutet, dass die katholische Kirche eigene, historisch gewachsene Glaubenseinsichten zurückschraubt, nur um den protestantischen Nachbarn nicht vor den Kopf zu stoßen, wird Ökumene zu einer Form von vorauseilendem Gehorsam. Die katholische Lehrentwicklung folgte noch nie dem Konsens mit den Kirchen der Reformation – andernfalls hätte Rom weder das Dogma der Unbefleckten Empfängnis (1854) noch jenes der leiblichen Aufnahme Mariens in den Himmel (1950) verkünden dürfen.

Das ökumenische Argument des Vatikans wirkt in diesem Fall oft wie ein vorgeschobener Vorwand, um eine innerkatholische Kontroverse zu befrieden. Es ist zwar pastoral klug, Missverständnisse auszuräumen. Aber ein Begriff wie Miterlöserin drückt etwas aus, das tief in der katholischen Anthropologie verwurzelt ist: dass der Mensch unter der Gnade Gottes kein passiver Zuschauer des Heils ist, sondern ein aktiver Mitwirkender.

Wer diesen Begriff streicht, nur weil er protestantischen Ohren fremd ist, betreibt keine ehrliche Ökumene, sondern theologische Selbsteinschränkung. Ein wahrhaftiger Dialog zwischen den Konfessionen hält Differenzen aus. Er verlangt nicht, dass die katholische Kirche ihr mariologisches Erbe verflacht, sondern dass sie den Mut hat, das Geheimnis der Mitwirkung Mariens – trotz aller konfessionellen Gegensätze – theologisch sauber zu begründen und zu verteidigen.

Von admin