Ein theologischer Appell für liturgische Wahrheit und kirchliche Versöhnung
Die jüngsten Enthüllungen über die Genese, Motivation und Umsetzungsweise des Motu proprio Traditionis custodes haben das Vertrauen vieler gläubiger Katholiken erschüttert. Was einst als Massnahme zur „Einheit“ angekündigt wurde, offenbarte sich in seiner Anwendung als ein Akt kirchlicher Härte, der nicht zuletzt den Geist der Liturgie selbst verwundet hat.
In Anbetracht dieser Vorgänge richtet Don Nicola Bux, einer der profiliertesten Theologen der Kirche und langjähriger Mitarbeiter mehrerer Dikasterien, einen dringenden Vorschlag an Papst Leo XIV.: Den Weg der Versöhnung mit der überlieferten Liturgie freizumachen – im Geist der katholischen Wahrheit, nicht des Machterhalts.
Die Krise als Frucht einer falschen Hermeneutik
Die Liturgie ist nicht nur Ausdruck des Glaubens, sie ist seine Quelle und zugleich seine Form. Sie ist, in den Worten des Zweiten Vatikanischen Konzils, culmen et fons – Höhepunkt und Quelle des ganzen kirchlichen Lebens (Sacrosanctum Concilium 10). Aus dieser Mitte heraus gewinnt die Kirche ihre Identität.
Die Restriktionen durch Traditionis custodes haben jedoch nicht nur konkrete liturgische Feiern unterbunden. Sie stehen exemplarisch für eine Hermeneutik der Diskontinuität, die in tiefem Widerspruch zur Lehrentwicklung Benedikts XVI. steht, dessen „Reform der Reform“ auf der Wiederentdeckung der inneren Einheit der Liturgie über alle historischen Formen hinweg beruhte.
Die liturgische Tradition, wie sie in der sogenannten „ausserordentlichen Form“ des römischen Ritus lebendig bleibt, ist nicht Ausdruck einer ideologischen Nostalgie, sondern konkreter Ausdruck der lex orandi, die über Jahrhunderte hinweg die Kirche geprägt hat. Ihre Missachtung – oder gar Ächtung – entzieht der Kirche einen Teil ihrer organischen Identität.
Enthüllungen, die Fragen aufwerfen
Die jüngsten Veröffentlichungen – unter anderem aus vatikanischen Quellen und durch journalistische Recherchen – legen nahe, dass Traditionis custodes nicht aus einem konsistenten theologischen Diskurs hervorging, sondern durch ein komplexes Zusammenspiel von Lobbygruppen, Beraterkreisen und selektiver Informationspolitik zustande kam. Der im Motu proprio suggerierte Konsens der Bischöfe gegen den überlieferten Ritus entspricht offenbar nicht der Realität.
Wenn also pastorale Massnahmen auf zweifelhaften Prämissen beruhen, verlieren sie ihre moralische Legitimität. Die Autorität des Papstes – so Don Bux – besteht nicht im freien Zugriff auf Tradition, sondern in ihrer treuen Weitergabe. Der Primat Petri ist ein Dienst an der Einheit in der Wahrheit, nicht ein Instrument zur Durchsetzung pastoraler Doktrinen.
Ein Vorschlag, der heilt – nicht spaltet
In dieser Situation richtet Don Bux einen konkreten Appell an Papst Leo XIV., dessen Pontifikat von vielen mit Hoffnung auf geistliche Erneuerung und Wiederherstellung geprägt ist. Der Vorschlag umfasst vier zentrale Punkte:
- Die Wiederherstellung von Summorum Pontificum
Das Motu proprio Benedikts XVI. hat die Feier des überlieferten Ritus in einem stabilen, rechtlich gesicherten Rahmen ermöglicht und zugleich klargestellt, dass dieser Ritus nie abgeschafft wurde. Seine rechtliche Wiederherstellung wäre kein rückwärtsgewandter Schritt, sondern ein Akt der Gerechtigkeit gegenüber den Gläubigen, die in dieser Form geistlich verwurzelt sind. - Einsetzung einer theologischen Liturgiekommission
Eine von Papst Leo XIV. eingesetzte Kommission sollte die liturgische Frage im Lichte von Theologie, Kirchenrecht und Seelsorge neu bewerten – mit besonderem Augenmerk auf die Einheit in der Wahrheit, nicht auf blossen pastoralen Ausgleich. - Anerkennung der überlieferten Liturgie als legitimen Ausdruck des römischen Ritus
Die Trennung in „ordentliche“ und „ausserordentliche“ Form des römischen Ritus darf nicht zu einer Spaltung des Verständnisses von Liturgie führen. Beide Formen sind Ausdruck ein und derselben überlieferten lex orandi der lateinischen Kirche – sie bedürfen keiner Konfrontation, sondern einer gegenseitigen Durchdringung in geistlicher Tiefe. - Ein Lehrschreiben zur Hermeneutik der Liturgie
Um die Wunden zu heilen, wäre ein päpstliches Dokument hilfreich, das in der Tradition von Sacrosanctum Concilium, Redemptionis Sacramentum und Summorum Pontificum die theologischen Prinzipien der Liturgie klar benennt, Missbräuche anmahnt und eine klare Linie der Reform in Kontinuität erneut bestätigt.
Für eine Liturgie der Wahrheit – nicht des Funktionalismus
Die tiefere Krise der Liturgie besteht nicht in der Frage nach Ritusformen, sondern in der oft beobachtbaren Entleerung ihrer inneren Wahrheit. Liturgie wird in vielen Gemeinden funktionalisiert, psychologisiert oder gar ideologisiert. Ihr sakramentaler Charakter, ihre Transzendenz, ihre Anbindung an das himmlische Jerusalem gehen verloren.
Der überlieferte Ritus – in seiner Stille, seiner Ausrichtung auf das Kreuz, seiner heiligen Ordnung – ist nicht einfach ein Stück Vergangenheit. Er ist eine lebendige Schule des Glaubens, eine Theologie mit dem Körper, eine Schule des Gebets. Wo die Kirche ihn ausmerzt, kappt sie sich selbst von einem Teil ihrer lebendigen Erinnerung.
Ausblick
Papst Leo XIV. hat bereits durch seine ersten Gesten gezeigt, dass er eine Kirche will, die aus der Tiefe lebt – nicht aus Strategien. Die Frage der Liturgie ist der Prüfstein dieser Tiefe. Don Nicola Bux legt mit seinem Appell kein Programm vor, sondern eine Einladung: zur Rückkehr zur Liturgie als Ausdruck der Wahrheit, nicht bloss als Werkzeug der Seelsorge.
Möge Papst Leo XIV. diese Stunde erkennen – als Kairos der Heilung.
Anmerkung:
Dieser Beitrag basiert auf Äusserungen und theologischen Impulsen von Don Nicola Bux und wurde im Geist der Versöhnung, Wahrheit und Treue zur katholischen Tradition verfasst. Die Redaktion dankt für die Möglichkeit zur Veröffentlichung.
