In einer Zeit, in der die katholische Kirche oft mit internen Krisen und dem Image einer moralisierenden Institution kämpft, sorgt der Churer Bischof Joseph Maria Bonnemain für Aufsehen. Mit seinem Leitsatz „Gott ist bei den Prostituierten und den Drogendealern“ rückt er das christliche Gottesbild in ein Licht, das viele provoziert – und andere als längst überfällige Rückbesinnung empfinden.
Die Provokation: Wo ist Gott zu finden?
Bischof Bonnemain vertritt eine klare Position: Gott wohnt nicht nur in prunkvollen Kathedralen oder bei den „Tugendhaften“. In seinen Predigten und öffentlichen Auftritten betont er, dass das Göttliche dort am präsentesten ist, wo die Not, die Einsamkeit und das menschliche Scheitern am grössten sind.
- Kein Urteil, sondern Präsenz: Für Bonnemain ist Gott kein Buchhalter der Sünden, sondern ein Begleiter in der Dunkelheit.
- Gegen die Ausgrenzung: Er spricht gezielt über Menschen, die von der Gesellschaft stigmatisiert oder unsichtbar gemacht werden.
Der theologische Kern: Jesus als Vorbild
Diese Aussage ist keine moderne Erfindung, sondern eine Rückbesinnung auf das Neue Testament. Bonnemain beruft sich direkt auf das Handeln Jesu von Nazareth:
- Tischgemeinschaft mit „Sündern“: Jesus suchte bewusst die Nähe derer, die am Rand standen, was ihm bereits vor 2000 Jahren heftige Kritik der religiösen Elite einbrachte.
- Die bedingungslose Liebe: Die Kernbotschaft lautet, dass die Würde des Menschen unantastbar ist – unabhängig vom sozialen Status.
- Kirche als „Feldlazarett“: In Anlehnung an Papst Franziskus sieht Bonnemain die Kirche als einen Ort der Heilung, der dorthin gehen muss, wo die Wunden offenliegen.
„Wir müssen aufhören, uns als Richter aufzuspielen. Gott ist bereits dort, wo wir uns oft fürchten hinzugehen.“
Der „Churer Kulturwandel“: Vom Dogma zur Begegnung
In Chur hat diese Haltung eine besondere Dynamik. Das Bistum galt jahrzehntelang als eines der konservativsten und am tiefsten gespaltenen der Schweiz. Bonnemains „Theologie der Strasse“ wirkt hier wie ein theologisches Beben.
Reaktionen in der Diözese
Die Resonanz auf seinen Kurs ist zweigeteilt, spiegelt aber den Aufbruchswillen der Region wider:
- Zustimmung an der Basis: Viele Gläubige und Pfarreimitarbeiter in Graubünden empfinden Erleichterung. Der Bischof wird als nahbar wahrgenommen, da er oft ohne grosses Gefolge durch die Gassen von Chur geht.
- Kritik aus konservativen Reihen: Traditionalistische Kreise fürchten, dass durch diese Rhetorik die Grenze zwischen „Sünde“ und „Gnade“ verwischt wird. Sie werfen ihm vor, mediale Aufmerksamkeit über die klassische kirchliche Moral zu stellen.
Gelebte Seelsorge: Die Gassenarbeit
Bonnemains Worte sind in Chur eng mit der praktischen Gassenarbeit verknüpft. Er unterstützt Organisationen, die sich um Suchtkranke und Obdachlose kümmern, und besucht diese Einrichtungen oft persönlich und abseits der Kameras.
- Symbolkraft: Indem er Gott an diesen Orten verortet, wertet er die Arbeit von Sozialarbeitern und Freiwilligen massiv auf und erklärt ihr Handeln quasi zum Gottesdienst.
- Empathie statt Moralpredigt: Anstatt Menschen für ihre Situation zu verurteilen, geht es darum, ihre Last ein Stück weit mitzutragen.
Fazit: Eine Kirche, die menschlicher wird
Für die Stadt Chur und das gesamte Bistum bedeutet Bonnemains Kurs eine Form der Versöhnung. Er versucht, das Image der Kirche von einer urteilenden Instanz hin zu einer solidarischen Gemeinschaft zu wandeln. Seine Botschaft ist auch ein politisches Signal an die Region: Niemand ist verloren.
Bonnemain erinnert uns daran, dass das Christentum in seinem Kern eine Religion der Grenzüberschreitung ist. Sein Fokus auf die „Ränder“ der Gesellschaft ist eine radikale Einladung, die Welt – und die Stadt Chur – mit den Augen der Barmherzigkeit zu sehen.
Kommentar: Die Gefahr der „billigen Gnade“? Eine kritische Würdigung
Bischof Bonnemains Botschaft ist zweifellos ein starkes Zeichen der Menschlichkeit, doch sie bewegt sich auf einem theologischen Grat, der bei Kritikern tiefe Besorgnis auslöst. Wer die Grenze zwischen Sünde und Gnade so radikal aufhebt, wie es in seinen Sätzen anklingt, sieht sich mit drei zentralen Vorwürfen konfrontiert:
1. Die Relativierung der Umkehr (Metanoia) Der Kern der christlichen Botschaft ist zwar die Liebe Gottes zum Sünder, aber untrennbar damit verbunden ist der Ruf zur Umkehr („Gehe hin und sündige nicht mehr“). Kritiker bemängeln, dass Bonnemains Fokus auf die blosse „Präsenz Gottes“ im Milieu die Notwendigkeit einer Lebensänderung in den Hintergrund rückt. Wenn Gott ohnehin schon „da“ ist, stellt sich die Frage: Wozu braucht es dann noch die Reue oder das Sakrament der Versöhnung? Es besteht die Gefahr, dass aus der befreienden Gnade eine „billige Gnade“ (nach Dietrich Bonhoeffer) wird – eine Gnade ohne Nachfolge und ohne Ernsthaftigkeit gegenüber dem moralischen Fehltritt.
2. Die Unschärfe des Sündenbegriffs Wenn die Grenze zwischen dem heiligen Raum und dem Milieu der Kriminalität oder Ausbeutung verschwimmt, droht ein moralischer Relativismus. Prostitution und Drogenhandel sind oft mit Gewalt, Abhängigkeit und der Zerstörung von Menschenleben verbunden. Kritische Stimmen mahnen an, dass die Kirche hier eine klare Sprache finden muss: Gott ist zwar beim Menschen, aber er kann niemals „bei der Tat“ sein. Die Sorge ist gross, dass durch eine allzu empathische Rhetorik das Unrecht struktureller Sünde (wie Ausbeutung in der Prostitution) ungewollt legitimiert oder zumindest verharmlost wird.
3. Die Perspektive der Opfer Ein besonders wunder Punkt ist die Gerechtigkeit. Wenn betont wird, dass Gott beim Drogendealer ist, stellt sich die schmerzhafte Frage: Wo bleibt der Fokus auf die Opfer des Drogenhandels? Eine einseitige Betonung der göttlichen Nähe zu den Tätern oder zu jenen, die in zerstörerischen Strukturen leben, kann auf die Betroffenen wie ein Schlag ins Gesicht wirken. Kritiker fordern hier eine Balance: Die Kirche muss die Stimme der Barmherzigkeit sein, darf aber nicht aufhören, die Stimme der Gerechtigkeit und der moralischen Ordnung zu sein.
Fazit Bonnemains Ansatz ist ein Wagnis. Er riskiert die theologische Präzision zugunsten der pastoralen Nähe. Während die einen darin den wahren Geist Jesu sehen, fürchten die anderen den Ausverkauf christlicher Grundwerte. Die entscheidende Frage bleibt: Kann man die Liebe zum Sünder verkünden, ohne die Schwere der Sünde zu verschleiern? In Chur wird diese Debatte weiterhin für Zündstoff sorgen, da sie den Kern des christlichen Selbstverständnisses berührt.
novaradio.ch
