Wie Sacrosanctum Concilium praktisch abgeschafft wurde

Sacrosanctum Concilium ist heute weniger eine Grundlage liturgischen Handelns als ein Feigenblatt. Man beruft sich auf das Konzil, um Praktiken zu rechtfertigen, die der Liturgie ihren sakramentalen Ernst genommen haben. Was das Dokument tatsächlich fordert, wird ignoriert; was man ihm unterschiebt, gilt als unantastbar. So wurde die Liturgiekonstitution nicht weitergeführt, sondern faktisch ausser Kraft gesetzt.

Ein erster Misstand ist die Verwandlung des Priesters in einen liturgischen Animateur. Statt Diener des überlieferten Ritus zu sein, tritt er vielerorts als Moderator, Kommentator oder Improvisationskünstler auf. Begrüssungen, spontane Einwürfe und private Erklärungen durchbrechen den Ritus permanent. Sacrosanctum Concilium wollte eine klar strukturierte, objektive Liturgie – keine Bühne für persönliche Kreativität. Wo der Zelebrant sich selbst in den Mittelpunkt stellt, verschwindet Christus aus dem Blick.

Eng damit verbunden ist die Dauerkommentierung der Liturgie. Kaum ein Moment darf für sich sprechen. Alles muss erklärt, motiviert und pädagogisch begleitet werden. Besonders die Stille, die das Konzil ausdrücklich schützt, gilt als peinlich oder überflüssig. Dabei ist gerade sie ein wesentlicher Ort tätiger Teilnahme. Eine Liturgie, die ununterbrochen redet, zeigt vor allem eines: Misstrauen gegenüber dem Mysterium.

Ein weiterer Missstand ist die Beliebigkeit in Sprache und Musik. Sacrosanctum Concilium spricht dem Gregorianischen Choral einen besonderen Rang zu und hält am Latein als verbindendem Element fest. In der Praxis jedoch dominieren Texte und Melodien, die kaum über religiöse Alltagsprosa hinausgehen. Musik wird nach Gefühlslage ausgewählt, nicht nach liturgischer Angemessenheit. Das Ergebnis ist eine Ästhetik, die nicht erhebt, sondern verflacht.

Besonders gravierend ist die Reduktion der tätigen Teilnahme auf äussere Aktivität. Ministrieren, Vorlesen, Herumgehen und Mitsprechen gelten als Massstab für Beteiligung. Wer schweigend betet, scheint verdächtig. Doch das Konzil wollte keine Aktivismusliturgie, sondern eine innere Teilnahme am Opfer Christi. Wo diese durch permanente Beschäftigung ersetzt wird, bleibt nur Leerlauf mit religiöser Dekoration.

Hinzu kommt die informelle Banalisierung heiliger Gesten. Lockerer Sprachstil, saloppe Körperhaltung, flapsige Kommentare vor oder nach der Kommunion – all das signalisiert: Hier geschieht nichts, was den Alltag übersteigt. Doch eine Liturgie, die sich nicht mehr unterscheidet, verliert ihre sakramentale Autorität. Sacrosanctum Concilium wollte Verständlichkeit, nicht Verflachung; Nähe, nicht Vertraulichkeit ohne Ehrfurcht.

So wurde die Liturgiekonstitution nicht offen verworfen, sondern durch Praxis entleert. Man hat sie zitiert, um sie nicht befolgen zu müssen. Das eigentliche Drama besteht darin, dass diese Missstände heute als normal gelten. Wer sie kritisiert, gilt schnell als „unkonziliar“, obwohl er sich gerade auf den Konzilstext beruft. Eine ehrliche Rückkehr zu Sacrosanctum Concilium müsste deshalb mit einem klaren Bruch mit jenen liturgischen Gewohnheiten beginnen, die sich fälschlich auf das Konzil berufen – und ihm doch widersprechen.

Von admin