In einer Zeit, in der der Hass im Heiligen Land tiefe Gräben reisst, warnt der Lateinische Patriarch von Jerusalem, Kardinal Pierbattista Pizzaballa, vor einer gefährlichen Entwicklung: Wenn die Stimmen der Vernunft verstummen, übernehmen die Radikalen das Wort. Sein Appell ist ein Ruf nach Zivilcourage in einer scheinbar ausweglosen Lage.
JERUSALEM – Die Worte des Kardinals wiegen schwer. Seit Monaten erlebt die Region eine Eskalation der Gewalt, die weit über das militärische Geschehen hinausgeht. Es ist ein Krieg der Narrative, der Emotionen und vor allem des fundamentalistischen Eifers. Inmitten dieses Sturms positioniert sich Pierbattista Pizzaballa als eine der wenigen Stimmen, die beharrlich vor der „Logik der Vernichtung“ warnen. Sein zentrales Credo: Wir dürfen den Extremisten auf beiden Seiten nicht das Feld überlassen.
Die schwindende Mitte
Pizzaballa beobachtet mit Sorge, wie der Raum für Dialog und Moderation schrumpft. „Die moderaten Stimmen werden oft als Verräter abgestempelt“, so der Tenor seiner jüngsten Äusserungen. In einer polarisierten Gesellschaft, in der Nuancen als Schwäche gelten, haben es jene schwer, die Brücken bauen wollen. Doch genau hier sieht der Patriarch die grösste Gefahr. Wenn die Gemässigten resignieren und sich ins Private zurückziehen, bleibt die Bühne frei für jene, die keine Kompromisse kennen und das Leid der anderen Seite ignorieren.
Religion als Werkzeug des Friedens, nicht des Hasses
Besonders kritisch hinterfragt Pizzaballa die Rolle der Religion im aktuellen Konflikt. Er warnt davor, den Glauben als ideologische Waffe zu missbrauchen. Extremisten nutzten religiöse Symbole und Texte oft, um Ausgrenzung und Gewalt zu rechtfertigen.
Für den Kardinal ist das eine Pervertierung des Glaubens. Die Kirche im Heiligen Land müsse daher eine „Prophetie des Miteinanders“ vorleben. Das bedeute nicht, die Augen vor dem Unrecht zu verschliessen, sondern sich der Entmenschlichung des Gegners entgegenzustellen.
Ein Appell an die Weltgemeinschaft
Pizzaballas Warnung richtet sich jedoch nicht nur an die Menschen vor Ort, sondern auch an die internationale Gemeinschaft. Er fordert dazu auf, jene Kräfte zu unterstützen, die trotz allem am Dialog festhalten.
- Keine Neutralität der Gleichgültigkeit: Es geht nicht darum, keine Meinung zu haben, sondern sich nicht von der Spirale des Hasses mitreissen zu lassen.
- Schutz der Vielfalt: Jerusalem müsse ein Ort für alle bleiben – Juden, Christen und Muslime.
- Verantwortung der Führung: Politische und religiöse Führer stünden in der Pflicht, die Rhetorik zu mässigen, statt sie weiter anzuheizen.
Das ist ein weites und tiefgreifendes Feld. Um die Situation besser zu verstehen, hilft es, den Konflikt nicht nur als politisches Tauziehen um Land zu sehen, sondern auch als ein komplexes Geflecht aus Identität, Geschichte und Religion.
Hier ist ein Überblick über die beiden von Ihnen bejahten Aspekte:
1. Die Hintergründe: Ein Konflikt auf drei Ebenen
Der Konflikt im Heiligen Land ist wie ein Eisberg – das, was wir in den Nachrichten sehen (Militäroperationen, Anschläge), ist nur die Spitze. Darunter liegen drei tiefere Ebenen:
- Die territoriale Ebene: Der klassische Streit um Grenzen, Siedlungen und die Souveränität über Gebiete wie das Westjordanland und den Gazastreifen.
- Die nationale Identität: Zwei Völker (Israelis und Palästinenser) beanspruchen dasselbe Land als ihre historische Heimat. Beide verbindet ein tiefes Trauma: der Holocaust auf der einen Seite, die Nakba (Flucht und Vertreibung 1948) auf der anderen.
- Die religiöse Ebene: Hier wird es besonders schwierig. Orte wie der Tempelberg (Haram al-Scharif) in Jerusalem sind für beide Seiten von höchster heiliger Bedeutung. Wenn der Konflikt religiös aufgeladen wird – wie Kardinal Pizzaballa warnt –, entzieht er sich oft rationalen Verhandlungen.
2. Die christliche Minderheit: Die „lebendigen Steine“
Die Christen im Heiligen Land werden oft als „Living Stones“ bezeichnet. Sie sind keine Zuwanderer, sondern die direkte Nachfolge der Urgemeinde. Ihre Rolle ist heute jedoch prekär:
- Zahlenmässiger Rückgang: Stellten Christen Anfang des 20. Jahrhunderts noch etwa 10–20 % der Bevölkerung, sind es heute im gesamten Gebiet (Israel und palästinensische Gebiete) weniger als 2 %.
- Zwischen den Stühlen: Als arabische Christen teilen sie die nationale Identität der Palästinenser, gehören aber religiös nicht zur muslimischen Mehrheit. In Israel wiederum sind sie Staatsbürger, fühlen sich aber oft als Bürger zweiter Klasse.
- Puffer und Brückenbauer: Da sie keine militärische Macht darstellen, konzentriert sich die christliche Präsenz auf Bildung und Soziales. Über 40 % der sozialen Einrichtungen (Krankenhäuser, Schulen, Altenheime) in den palästinensischen Gebieten werden von christlichen Organisationen getragen – sie stehen allen offen, unabhängig von der Religion.
Die Vielfalt der Kirchen
Oft wird vergessen, dass „die Christen“ dort keine Einheit sind. Es gibt ein faszinierendes, aber auch kompliziertes Mosaik aus Konfessionen, die sich das heilige Erbe teilen.
Warum Pizzaballas Warnung so aktuell ist
Wenn Extremisten das Sagen haben, wird die Welt schwarz-weiss. Für die christliche Minderheit bedeutet das:
- Druck von radikalen Siedlern: In Jerusalem nehmen Spuckattacken und Vandalismus gegen christliche Stätten durch radikale jüdische Gruppen zu.
- Druck durch islamistischen Fundamentalismus: In Gebieten wie Gaza oder Teilen des Westjordanlands geraten Christen unter Rechtfertigungsdruck gegenüber radikalen muslimischen Strömungen.
Pizzaballa weiss: Wenn die Christen verschwinden, verliert das Heilige Land seinen Charakter als multireligiöser Ort und wird zu einem rein binären Schlachtfeld.
Fazit: Mut zur Moderation
Der Weg, den Pizzaballa vorschlägt, ist mühsam und unpopulär. Er erfordert den Mut, sich zwischen die Fronten zu stellen. Doch die Alternative ist laut dem Patriarchen düster: Eine Zukunft, die allein von jenen gestaltet wird, die im Anderen nur noch einen Feind sehen. „Den Extremisten das Feld zu überlassen“, so die Botschaft des Kardinals, „wäre der endgültige Bankrott der Hoffnung im Heiligen Land.“

