Das Apostolische Glaubensbekenntnis bekennt: „… gekreuzigt, gestorben und begraben, hinabgestiegen in das Reich des Todes.“ (lateinisch: descensus ad inferos). Um die theologische Tiefe dieses Abstiegs zu begreifen, müssen wir die antike biblische Kosmologie und die präzise Bedeutung der Begriffe entschlüsseln.
1. Philologische und theologische Grundlegung der Begrifflichkeiten
Die biblische Offenbarung nutzt eine spezifische Sprache, um den Zustand nach dem Tod zu beschreiben. Es handelt sich hierbei nicht einfach um Synonyme für die „Hölle“, sondern um theologische Konzepte mit eigener Entwicklungsgeschichte.
- Der Sheol (Hebräisch): Der grosse Gleichmacher Im Alten Testament ist der Sheol der kollektive Aufenthaltsort aller Toten, unabhängig von ihrer moralischen Lebensführung. Theologisch wird er oft als ein Ort der Schatten (Rephaim), der Stille und der Gottesferne beschrieben. In Psalm 6,6 heisst es etwa: „Denn im Tod gedenkt man deiner nicht; wer wird dir im Sheol danken?“ Es ist ein Ort des Wartens, an dem das volle, vitale Leben erloschen ist.
- Der Hades (Griechisch): Der geteilte Warteraum Als das Alte Testament ins Griechische übersetzt wurde (Septuaginta), wählte man für Sheol das Wort Hades. Im Neuen Testament (besonders in Lukas 16, der Geschichte vom reichen Mann und dem armen Lazarus) wird offenbart, dass dieser Warteraum zweigeteilt ist:
- Der Schoss Abrahams (Paradies): Ein Ort des Trostes für die Gerechten des Alten Bundes, die im Glauben an den kommenden Erlöser starben.
- Ein Ort der Qual: Ein vorläufiger Ort des Leidens für die Ungerechten, getrennt durch eine unüberwindbare Kluft.
- Die Gehenna (Griechisch/Hebräisch): Das eschatologische Gericht Der Begriff leitet sich vom Ge-Hinnom (Tal Hinnom) südlich von Jerusalem ab. Historisch war dies ein Ort, an dem Götzendienst (Kinderopfer an Moloch) stattfand und später Müll verbrannt wurde. In der Theologie Jesu wird Gehenna zur Metapher für den „Feuersee“ – den Ort der endgültigen, ewigen Trennung von Gott (den „zweiten Tod“ aus Offenbarung 20). Dieser Ort ist aktuell noch leer. Er wird erst nach dem Jüngsten Gericht bevölkert.
2. Die Soteriologie der drei Tage: Was passierte im Hades?
Die Theologie betrachtet das Werk Christi nicht nur als physisches Sterben, sondern als einen kosmischen Triumph (Christus Victor). Jesu Geist befand sich zwischen Karfreitag und Ostersonntag im Hades. Dies war kein passives Warten, sondern ein hochgradig aktiver, heilsgeschichtlicher Eingriff.
A. Die kosmische Proklamation (Das Kerygma)
„In diesem [Geist] ist er auch hingegangen und hat den Geistern im Gefängnis gepredigt.“ (1. Petrus 3,19)
In der Exegese ist entscheidend, dass Petrus hier das Wort kerysso (als Herold proklamieren) und nicht euangelizo (das Evangelium zur Rettung verkünden) verwendet. Christus stieg in die tiefsten Ebenen der Schöpfung hinab, um seinen Triumph über Sünde und Tod offiziell auszurufen. Er verkündete den dortigen geistlichen Mächten (und den in Rebellion gestorbenen Seelen), dass ihr Schicksal besiegelt und der Tod besiegt ist. Es war die Siegesparade des Königs im Territorium des Feindes.
B. Die „Plünderung der Hölle“ (Spoliatio Inferorum)
Das Alte Testament war ein Zeitalter der Vorbereitung. Tieropfer konnten Sünden nur „zudecken“, aber nicht endgültig tilgen (Hebräer 10,4). Daher konnten selbst die grössten Propheten und Patriarchen (wie David, Mose oder Jesaja) nach dem Tod noch nicht in die unmittelbare, himmlische Gegenwart Gottes (das himmlische Paradies) eintreten. Sie ruhten im Sheol/Hades (im Schoss Abrahams).
Durch sein vollkommenes Opfer am Kreuz erwarb Christus das Recht, diese Seelen zu befreien. Epheser 4,8 (ein Zitat aus Psalm 68) beschreibt dies majestätisch:
„Als er auffuhr in die Höhe, hat er Gefangene in die Gefangenschaft geführt…“
Jesus leerte den „Schoss Abrahams“. Er nahm die alttestamentlichen Heiligen, deren Glaube durch das Kreuz nun rückwirkend gerechtfertigt war, aus dem Hades mit sich in das himmlische Paradies.
C. Die rechtliche Entmachtung des Todes
Der Tod hatte durch den Sündenfall (Römer 5) einen legalen Anspruch auf die Menschheit. Indem Christus, der völlig sündlos war, freiwillig in das Totenreich eintrat, implodierte dieses System. Der Hades konnte ihn nicht halten, weil er kein Anrecht auf ihn hatte (Apostelgeschichte 2,24: „Es war unmöglich, dass er vom Tod festgehalten wurde“).
Dadurch entwendete Christus symbolisch die „Schlüssel“ (die juristische Autorität) über den Tod (Offenbarung 1,18) und entwaffnete die dämonischen Mächte, indem er sie öffentlich zur Schau stellte (Kolosser 2,15).
3. Der theologische Wendepunkt: Warum Gehenna ausgeschlossen ist
Manche theologische Randströmungen (oft im „Word of Faith“-Movement) lehren, Jesus sei in die Gehenna gegangen, um dort geistlich zu sterben und von Dämonen gequält zu werden, um unsere Strafe zu vollenden. Dies widerspricht der orthodox-biblischen Theologie massiv.
Das Sühneopfer war am Kreuz vollständig erbracht. Jesu letztes Wort „Tetelestai“ (Es ist vollbracht / Es ist vollständig bezahlt – Johannes 19,30) markiert das Ende des Leidens. Die Strafe für die Sünde der Welt wurde im physischen und geistlichen Leiden am Kreuz absorbiert. Jesu Geist ging in Frieden in die Hände des Vaters (Lukas 23,46) und betrat den Hades nicht als bestrafter Sünder, sondern als unbesiegbarer Herrscher.
Fazit: Eine neue Architektur der Ewigkeit
Das theologische Resultat dieser drei Tage ist gewaltig: Vor Christus war der Weg in den Himmel verschlossen, und der Tod führte unweigerlich in den Warteraum des Sheol. Seit der Auferstehung ist der Hades für den Gläubigen keine Realität mehr. Paulus kann deshalb triumphierend rufen: „Tod, wo ist dein Stachel? Hades, wo ist dein Sieg?“ (1. Korinther 15,55). Wer heute in Christus stirbt, geht nicht mehr in den Sheol hinab, sondern tritt sofort in die Gegenwart des Herrn ein (Philipper 1,23).
Gibt es bei dieser tiefen heilsgeschichtlichen Bedeutung einen bestimmten Aspekt – etwa die alttestamentliche Vorstellung vom Warteraum oder die Entwaffnung der unsichtbaren Mächte –, über den du noch mehr erfahren möchtest?
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