Das Verhältnis zwischen dem Christentum und dem Judentum hat in den letzten Jahrzehnten einen fundamentalen Wandel vollzogen. Während über Jahrhunderte hinweg die sogenannte „Judenmission“ – also das aktive Bestreben, Juden zum christlichen Glauben zu bekehren – fester Bestandteil kirchlicher Lehren war, herrscht heute ein differenziertes Bild vor, das primär von Respekt und Dialog geprägt ist.

Der fundamentale Wandel in der katholischen Kirche

In der römisch-katholischen Kirche markierte das Zweite Vatikanische Konzil mit der Erklärung „Nostra Aetate“ (1965) einen historischen Wendepunkt. Die Kirche betonte erstmals die tiefe geistliche Verbundenheit mit dem Judentum und verurteilte jede Form von Antisemitismus.

Ein entscheidender theologischer Meilenstein war die Aussage von Papst Johannes Paul II., der 1980 in Mainz das Judentum als den „nie gekündigten Bund“ bezeichnete. Damit wurde die alte „Substitutionstheorie“ (die Lehre, dass die Kirche das Judentum als Gottesvolk abgelöst habe) offiziell verworfen.

Im Jahr 2015 bekräftigte der Vatikan diese Haltung durch ein Dokument der Kommission für die religiösen Beziehungen zum Judentum. Darin heisst es explizit, dass die katholische Kirche „weder eine gezielte institutionelle Missionsarbeit, die an Juden gerichtet ist, durchführt noch unterstützt“. Die Kirche vertraut darauf, dass Gott sein Volk Israel auf einem eigenen Weg zum Heil führt. Juden werden daher nicht als Adressaten einer christlichen Mission gesehen, sondern als „ältere Brüder“ (Johannes Paul II.) und „Väter im Glauben“ (Benedikt XVI.).

Die Position der Evangelischen Kirche (EKD)

Auch in der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) gab es eine klare Neupositionierung. Im Jahr 2016 verabschiedete die Synode eine historische Erklärung, in der sie der Judenmission eine klare Absage erteilt. Die Begründung: Da Gott seinen Bund mit dem jüdischen Volk niemals aufgegeben hat, ist eine Missionierung theologisch nicht nur unnötig, sondern widerspricht der Treue Gottes. Der Fokus liegt hier heute fast ausschliesslich auf dem christlich-jüdischen Dialog und der gemeinsamen Aufarbeitung der belasteten Geschichte.

Perspektiven im freikirchlichen und evangelikalen Bereich

Anders stellt sich die Situation in einigen konservativen, evangelikalen oder freikirchlichen Kreisen dar. Hier wird oft am biblischen Missionsbefehl festgehalten, der nach ihrem Verständnis universell für alle Menschen gilt. Organisationen in diesem Bereich argumentieren, dass die Anerkennung von Jesus Christus als Messias die „Vollendung“ des jüdischen Glaubens sei. Dies führt jedoch regelmässig zu starken Spannungen mit jüdischen Gemeinden, die solche Bekehrungsversuche als Missachtung ihrer religiösen Identität und als Angriff auf ihr Überleben als Religionsgemeinschaft empfinden.

Die Bedeutung des Dialogs heute

In der Gegenwart ist die Debatte untrennbar mit dem Gedenken an die Shoah verbunden. Die christliche Theologie hat erkannt, dass die jahrhundertelange Tradition der Ausgrenzung und Zwangsbekehrung den Boden für den modernen Antisemitismus mitbereitet hat. Deshalb setzen die grossen Kirchen heute auf drei Säulen:

  1. Begegnung auf Augenhöhe: Dialog statt Belehrung.
  2. Schutz jüdischen Lebens: Aktiver Einsatz gegen Antijudaismus und Antisemitismus.
  3. Theologische Demut: Die Anerkennung, dass das Geheimnis von Gottes Wegen mit Israel die menschliche Missionslogik übersteigt.

Fazit: In der katholischen und der evangelischen Kirche ist die klassische Judenmission heute offiziell beendet. An ihre Stelle ist die Anerkennung der bleibenden Erwählung Israels getreten. Das Judentum wird nicht mehr als „verlorene“ Religion betrachtet, die zum Christentum finden muss, sondern als bleibendes Fundament, auf dem das Christentum selbst ruht.

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