Es ist eines der dunkelsten Kapitel in der jüngeren Geschichte der religiösen Minderheiten in Pakistan: Der brutale Lynchmord an dem christlichen Ehepaar Shahzad Masih (26) und Shama Bibi (24). Im November 2014 wurde das Paar, das in einer Ziegelei in der Provinz Punjab arbeitete, von einem wütenden Mob brutal misshandelt und lebendig in einem Ziegelofen verbrannt. Der Vorwurf: Blasphemie. Heute, mehr als zwölf Jahre nach der Tat, warten Menschenrechtsaktivisten und die christliche Gemeinschaft in Pakistan noch immer auf echte Gerechtigkeit und strukturelle Veränderungen.

Bild: Bischof Samson Shukardin von Hyderabad, Vorsitzender der Katholischen Bischofskonferenz Pakistans. (Archivbild 2023). (Bild: KIRCHE IN NOT (ACN))

Der Hintergrund der Tragödie

Der Vorfall ereignete sich in dem Dorf Kot Radha Kishan. Shama Bibi, eine dreifache Mutter, die zum Zeitpunkt der Tat mit ihrem vierten Kind schwanger war, hatte beim Aufräumen der Hinterlassenschaften ihres verstorbenen Schwiegervaters einige Papiere verbrannt. Ein örtlicher Geistlicher und der Ziegeleibesitzer nutzten dies, um über die Lautsprecher der Moschee das Gerücht zu verbreiten, die Familie habe Seiten des Korans entweiht.

Innerhalb kürzester Zeit versammelte sich ein aufgebrachter Mob von Hunderten Menschen. Das Ehepaar wurde gefoltert, durch die Strassen geschleift und schliesslich in den brennenden Ofen gestossen.

Die Justiz: Ein zögerlicher und unvollständiger Prozess

Der Fall erregte weltweit Entsetzen und zwang die pakistanischen Behörden zunächst zum Handeln. 2016 verurteilte ein Anti-Terror-Gericht fünf der Haupttäter zum Tode und verhängte Haftstrafen gegen mehrere Mitläufer.

Doch die Hoffnung auf ein klares Signal gegen die Straflosigkeit hielt nicht lange an:

  • Freisprüche in der Berufung: In den darauffolgenden Jahren wurden viele der Mitangeklagten aus Mangel an Beweisen oder aufgrund von Verfahrensfehlern freigesprochen.
  • Verzögerungen: Die Urteile gegen die Haupttäter wurden durch endlose Berufungsverfahren blockiert.
  • Einschüchterung: Zeugen und Anwälte der Opferfamilie sahen sich massiven Drohungen durch extremistische Gruppen ausgesetzt, was eine lückenlose Aufarbeitung erschwerte.

Bis heute ist der Fall ein Symbol für ein Justizsystem, das unter dem Druck religiöser Hardliner einknickt.

Bild: Jaranwala im August 2023 – 26 Kirchen und über 80 Häuser christlicher Familien wurden angegriffen (Bild: KIRCHE IN NOT (ACN))

Die missbrauchten Blasphemiegesetze

Der Mord an Shahzad und Shama ist kein Einzelfall. Die pakistanischen Blasphemiegesetze (insbesondere Paragraph 295-C des Strafgesetzbuches) sehen für die Beleidigung des Propheten Mohammed zwingend die Todesstrafe vor.

Menschenrechtsorganisationen wie Amnesty International und Human Rights Watch kritisieren seit Jahren, dass diese Gesetze missbraucht werden, um:

  • Persönliche Fehden oder Landstreitigkeiten auszutragen.
  • Wirtschaftliche Abhängigkeiten (wie die Schuldknechtschaft in Ziegeleien) auszunutzen.
  • Religiöse Minderheiten (Christen, Hindus, Ahmadiyya) systematisch einzuschüchtern.

Das Kernproblem: Allein die blosse Anschuldigung der Blasphemie wirkt in Pakistan oft wie ein Todesurteil, da der Mob die Justiz regelmässig durch Selbstjustiz ersetzt, noch bevor ein Gericht den Fall prüfen kann.

Fazit und Ausblick

Auch zwölf Jahre nach dem grausamen Tod von Shahzad und Shama Masih bleibt die Situation für Pakistans Christen prekär. Vorfälle wie die Ausschreitungen in Jaranwala im Jahr 2023, bei denen nach ähnlichen Blasphemievorwürfen Kirchen und Dutzende Häuser von Christen niedergebrannt wurden, zeigen, dass sich an den tieferliegenden Ursachen kaum etwas geändert hat.

Bild: Eine Katechetin und ihre Schülerinnen und Schüler sind dankbar für die erfahrene Hilfe von ACN (Bild: KIRCHE IN NOT (ACN)).

Solange die pakistanische Regierung nicht den politischen Mut aufbringt, die Blasphemiegesetze zu reformieren und Täter von Lynchjustiz ohne Ausnahme zur Rechenschaft zu ziehen, bleibt Gerechtigkeit für die Opfer religiöser Intoleranz ein fernes Versprechen. Das Andenken an Shahzad und Shama steht als Mahnmal für einen Staat, der seine schwächsten Bürger noch immer nicht ausreichend schützen kann.

Quelle: Kirche in Not Schweiz, novaradio.ch

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